Drohende Knappheit im Land Indien verbietet den Export von Weizen

Eigentlich hatte Indien angekündigt, den weltweiten Weizenmangel infolge des Ukrainekriegs zu lindern. Nun fürchten die Behörden einen Mangel im eigenen Land – und untersagen die Ausfuhr des Getreides.
Weizenlieferung auf einem Getreidegroßmarkt in Amritsar (im April)

Weizenlieferung auf einem Getreidegroßmarkt in Amritsar (im April)

Foto: Narinder Nanu / AFP

Indien hat ein sofortiges Ausfuhrverbot für Weizen verhängt und damit die wegen des Ukrainekriegs herrschende Sorge vor drohenden Hungerkatastrophen in der Welt weiter angefacht. Mit dem Exportverbot sollten Preissteigerungen im eigenen Land eingedämmt werden, teilte die Regierung des weltweit zweitgrößten Weizenproduzenten mit.

Eigentlich wollte Indien in diesem Jahr eine Rekordmenge von rund zehn Millionen Tonnen Weizen auf dem Weltmarkt verkaufen. Eine ungewöhnlich frühe Hitzewelle mit Temperaturen von weit über 40 Grad in Indien hatte zuletzt aber die Sorge vor einer Missernte geschürt.

Am Weltmarkt dürfte der Exportstopp die Preise nun weiter in die Höhe treiben, da dort wegen des Ukrainekriegs und der dadurch ausbleibenden Lieferungen aus der Schwarzmeerregion Millionen Tonnen an Weizen fehlen. Vor allem ärmere Länder in Asien und Afrika würde das hart treffen. Die indische Regierung teilte zwar mit, bereits bestehende Lieferverträge würden erfüllt, und auch Länder, die ansonsten um »Nahrungsmittelsicherheit« fürchten müssten, würden beliefert. Die Ausfuhr weiterer Mengen werde aber gestoppt.

Durch den Krieg in der Ukraine können den Vereinten Nationen zufolge derzeit knapp 25 Millionen Tonnen bereits geerntetes Getreide nicht aus dem Land gebracht werden. Zudem wird sich die kommende Ernte nicht auf dem bisherigen Niveau halten lassen. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock warf Russland zum Abschluss des Treffens mit ihren G7-Kollegen in Weissenhaus vor, die Häfen in der Ukraine gezielt zu blockieren. Das sei kein Kollateralschaden des Krieges, sondern eine bewusste Entscheidung.

Es gebe keine Sanktionen des Westens gegen Getreide. Russland führe einen »Korn- beziehungsweise Getreidekrieg«, sagte Baerbock. Damit versuche der Kreml, den Ukrainekrieg in der Welt auszuweiten, insbesondere in Afrika. Bis zu 50 Millionen Menschen in Afrika und dem Nahen Osten seien durch die Krise zusätzlich von Hunger bedroht. Bundesagrarminister Cem Özdemir hatte Russland am Freitag vorgeworfen, Hunger gezielt als Kriegswaffe einzusetzen. Das gelte innerhalb der Ukraine, aber auch weltweit, da allein die Ukraine die Hälfte des Getreides für das Welternährungsprogramm liefere.

Die Entwicklungen haben die Weizenpreise weltweit in die Höhe getrieben – auch in Indien, wozu die dort stark gestiegenen Kraftstoff-, Arbeits- und Transportkosten ebenfalls beitragen. Dazu sorgt die Hitzewelle in der Region für erste Ernteausfälle. Noch im Februar hatte die Regierung die Produktion von mehr als 111 Millionen Tonnen vorausgesagt, was die sechste Rekordernte in Folge gewesen wäre. Im Mai wurde die Prognose auf 105 Millionen gekappt, und Händler schließen nicht aus, dass die Bauern letztlich weniger als 100 Millionen Tonnen einfahren werden.

Nach Indien ist China der größte Weizenproduzent. In der Vergangenheit hat das Land mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen kaum etwas davon exportiert. Die Regierung kauft jeweils große Mengen ein, um unter anderem die arme Bevölkerung im Land zu versorgen. Bislang hatten Bauern kaum Anreize, an Exporteure zu verkaufen, da ihnen die Regierung einen subventionierten Preis zahlte, der höher als der Weltmarktpreis war.

fdi/Reuters