Hermann-Josef Tenhagen

Urlaubsbuchung Wenn das Gepäck teurer ist als der Flug

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Bei vielen Airlines ist inzwischen schon das größere Handgepäck ein Extra – für Kunden ist es deshalb immer schwerer, Preise zu vergleichen. Wie Sie trotzdem am günstigsten in den Urlaub kommen.
Passagiere am Flughafen Düsseldorf: Die Reiselust kommt zurück

Passagiere am Flughafen Düsseldorf: Die Reiselust kommt zurück

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Rupert Oberhäuser / IMAGO

Ryanair-Chef Michael O'Leary möchte Reisende am liebsten dafür bezahlen, dass sie sich in seine Flugzeuge setzen. Das erklärte der schillernde Unternehmer in einem berühmten Interview vor ein paar Jahren . »Ich verkaufe diese Woche Sitzplätze für 4 Pfund und zahle dafür 13 Pfund Flughafengebühr – ich bezahle Sie dafür, dass Sie mit mir fliegen.«

Das sagte er natürlich nicht ohne Hintergedanken.

Auf seine Kosten kommt er nämlich immer öfter über den Beifang: Die Einnahmen der Fluggesellschaften für Kaffee und Sekt an Bord zum Beispiel oder happige Gebühren fürs Gepäck kennt inzwischen jeder Fluggast. Weniger bekannt sind die Provisionen für verkaufte Reiseversicherungen, Mietwagen  oder Hotelzimmer, die die Fluglinie vermittelt. Weitere Geschäftsfelder sind der Vertrieb von Kreditkarten und geteilte Einnahmen für Einkäufe am Flughafen.

Tatsächlich machen solche Nebeneinnahmen bei Billiglinien wie Ryanair oder Easyjet aktuell 30 Prozent in den Bilanzen aus. Der Branchenschnitt liegt bei 12 bis 15 Prozent, schätzt Experte Christoph Klingenberg und verweist auf das Beratungsunternehmen CarTrawler.

War oder ist das Fliegen also auf dem Weg zum Preisparadies für die Kunden? Eher nicht. Und das aus drei Gründen: Erstens hat sich die Luftfahrtbranche noch nicht vom Coronaschock erholen können, weil sie einfach zu viel an Boden verloren hat. Zweitens wird der Preis des Fliegens wegen steigender Energie- und Klimakosten eher steigen. Und drittens hat sich mit Corona wohl auch dauerhaft etwas geändert am Reiseverhalten der Unternehmen – und die Business-Fliegerei war für die Airlines immer besonders attraktiv .

Fliegen wird teurer

Hinzu kommt, dass Geschäftsreisen auch besonders viel Umsätze am Flughafen erzeugt haben. Ihr Ausbleiben zwingt teurere Airlines wie die Lufthansa, in Zukunft einen größeren Teil ihrer Einnahmen mit privaten Fluggästen und Tourismus zu erzielen.

Damit sich das rechnet, müssen die normalen Urlauber, also Sie, bei den traditionellen Fluglinien künftig mit höheren Preisen rechnen. Lufthansa-Chef Karsten Spohr berichtete diese Woche auf der Hauptversammlung des Konzerns, der Trend zur Buchung im »Premiumsegment« sei bei Privatreisenden »ungebrochen« .

Die Entwicklung ist schon statistisch spürbar. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass die Flugpreise vom April 2020 zum April 2022 um rund 15 Prozent gestiegen sind .

Für den einzelnen Fluggast hat die Preispolitik bei den Billigfluglinien und der Kampf um mehr Touristen von Lufthansa und Co. erhebliche Auswirkungen. Das geht bei der Transparenz los: Fluggäste vergleichen Flüge und Airlines natürlich vor allem anhand des Preises. Und das geht am leichtesten über Flugvergleichsportale . Die Fluglinien haben darauf reagiert, indem sie ihre Tickets dort so günstig wie möglich aussehen lassen. Das heißt: ein niedriger Grundpreis – und dann viele Extrakosten für Gepäck, Essen, Reservierung, mehr Beinfreiheit oder Flexibilität beim Umbuchen.

Die Billigfluglinien sind hier ohnehin im Vorteil. Schließlich sind sie gerade deshalb preiswert, weil sie bestimmte Kostenblöcke immer klein gehalten haben. Beinfreiheit für alle kostet zu viel Geld, genau wie der Erste-Klasse-Schalter oder ein Essen an Bord ohne Zusatzkosten. Dafür muss ja nicht nur das Essen bezahlt werden, sondern auch das Catering durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Billigairlines versuchen diesen Vorteil weiter auszubauen, indem sie so viele Dienstleistungen wie möglich vom Flug abtrennen und extra bepreisen.

Ryanair hat zum Jahresende 2021 Zahlen veröffentlicht , nach denen ein Ryanair-Flug ohne Flugbenzin im Schnitt 31 Euro kostet – deutlich weniger als bei den Konkurrenten Easyjet und Eurowings. Eurowings schreibt mir diese Woche, die Nebeneinnahmen pro Sitzplatz seien auf 15,06 Pfund (17,50 Euro) gestiegen.

So hat sich vieles verändert. Der größte Einschnitt war wohl, den klassischen Handgepäckkoffer nicht mehr als solchen zu akzeptieren. Jahrzehntelang wurde es geduldet, wenn man diesen ins Gepäckfach stopfte. Mittlerweile zahlt man dafür extra.

Für potenzielle Fluggäste schafft das ein Problem: Abflugzeit und Flugdauer lassen sich noch gut vergleichen, die Ticketkosten wegen der anfallenden Nebenkosten aber immer weniger.

Wenn zum Beispiel Hin- und Rückflug bei der einen Fluglinie 220 Euro kosten und diverse Extras kommen dazu, dann ist nicht mehr klar, ob das andere Ticketangebot im Flugportal für 250 Euro am Ende nicht doch billiger kommt. Der normale Handgepäck-Rollkoffer kostet bei Easyjet mindestens 8 Euro, ein großer Koffer online gebucht mindestens 12 Euro, und sogar 58 Euro, wenn man ihn erst am Flughafen selbst bucht. Jeweils nur für den Hinflug. Für den Rückflug kommt noch mal derselbe Betrag dazu.

Besonders drastisch kommen diese Unterschiede beim Bordgepäck zum Tragen: Das allein macht inzwischen fast ein Drittel der Zusatzeinnahmen aus, wie aus einer Untersuchung bei 100 Fluglinien von CarTrawler hervorgeht. Die Einnahmen fürs Gepäck haben sich seit 2014 verdreifacht.

Als ich noch als Student im Auslandsjahr in den USA war, konnte ich mit zwei Koffern und einmal Umsteigen ohne Extrakosten von Berlin nach Dallas reisen. Heute würde mindestens der zweite Koffer hohe Extrakosten verursachen.

Auch die großen Standard-Fluglinien haben inzwischen ausgefeilte Kofferpolitiken, für die wir Kunden zahlen. Ein Extra-Gepäck von Berlin nach Fuerteventura kostet bei der Lufthansa schon online gebucht 65 Euro, am Flughafen selbst dann 80 Euro. CarTrawler schreibt in seiner April-Untersuchung, dass solche Gepäckgebühren inzwischen überall üblich sind, solange staatliche Regulierungsbehörden es nicht explizit untersagen – wie in Südostasien.

Bei Ryanair zum Beispiel kostet schon der erste Koffer einen Aufpreis, wenn er denn größer ist als 40 Zentimeter mal 25 Zentimeter mal 20 Zentimeter – also mehr als Laptop, Kulturbeutel, Buch oder ein Paar Sommerschuhe enthalten kann. Was das bedeutet, sehen Sie in diesem Bild.

40 mal 25 mal 20: Dafür ist dieser Koffer zu groß

40 mal 25 mal 20: Dafür ist dieser Koffer zu groß

Foto: Hermann-Josef Tenhagen

Die Regeln variieren von Fluglinie zu Fluglinie. Finanztip hat deshalb in einer Tabelle zusammengestellt, welches Gepäck bei preiswerten Flügen tatsächlich noch mitgenommen werden darf .

Aber das sollte Sie nicht davon abhalten, nach dem günstigsten Flug Ausschau zu halten. Mit den folgenden Tipps sollte das gut gelingen:

  • Reisen Sie mit kleinem Gepäck: Wenn Sie etwa ins Ferienhaus von Freunden oder Familie wollen, können Sie den kleinen Standardkoffer, den Sie auch mit an Bord nehmen dürfen, bei etlichen Fluglinien noch kostenlos mitnehmen. Bei Ryanair und Easyjet aber nicht. Bei den anderen darf der kleine Koffer dafür häufig nichts wiegen. Bei TUIfly gerade mal 6 Kilo, bei Emirates 7 Kilo. Dafür dürfen Sie dann den Laptop oft noch extra mitnehmen. Größeres Gepäck müssen Sie immer bezahlen.

  • Nehmen Sie das richtige Flugportal: Bei manchen sehen Sie in der Regel erst mal die Preise für die Basistarife ohne Zusatzgepäck. Bei guten Flugsuchmaschinen  dagegen können Sie die Flugpreise auch inklusive der Gepäckkosten vergleichen. Dazu geben Sie in einem Gepäckrechner einfach an, wie viel Hand- und Aufgabegepäck Sie pro Person mitnehmen möchten. Entsprechend ändern sich die Flugpreise in der Ergebnisliste. Allerdings mit der Einschränkung, dass Sie immer nur Näherungswerte bekommen – also kein hundertprozentig verlässliches Ergebnis.

  • Prüfen Sie, ob der Pauschalpreis besser ist: es ist etwas zeitaufwendiger, kann sich aber lohnen. Manchmal ist ein Flex-Tarif inklusive aller Extras (ausgewählter Sitzplatz, ihr Fluggepäck und Flex-Option) günstiger, als wenn Sie den Basistarif nehmen – und die Optionen einzeln als Extra dazubuchen.

  • Was nichts mit dem Gepäck zu tun hat, aber ebenfalls immer gilt: Wenn Sie den günstigsten Flug gefunden haben, dann buchen Sie ihn unbedingt bei der Fluglinie direkt. Nicht alle Flugportale leiten Sie weiter. Viele lassen Sie dann auf dem Portal selbst oder bei einem Vermittler buchen. Das führt mitunter zu Problemen, falls der Flug gecancelt wird oder die Airline pleitegeht.

Und was die Visionen von Ryanair Chef O'Leary angeht: Das waren ohnehin die Visionen für den Wochenendtrip des Easyjet-Set* nach Dublin oder Barcelona. Und nicht die Visionen für Ihren Sommerurlaub. Zu verschenken haben die Fluglinien nie etwas.

*Easyjet-Set  – das sind junge Menschen, die mit Billigfliegern regelmäßig am Wochenende in andere europäische Metropolen unterwegs sind.