Bierhoff über WM in Katar »Wie konnte die Fifa die WM in dieses Land geben?«

Noch vor wenigen Monaten sprach DFB-Direktor Oliver Bierhoff von Katar als »Treiber von Entwicklungen« und »wichtigem Partner«. Nach Veröffentlichung von RTL-Recherchen zur Lage Homosexueller im Emirat sieht er das nun anders.
DFB-Direktor Oliver Bierhoff

DFB-Direktor Oliver Bierhoff

Foto: Anne-Christine Poujoulat / AFP

Noch vor wenigen Monaten hatte DFB-Direktor Oliver Bierhoff nach Besuchen im WM-Gastgeberland Katar von einem »wichtigen Partner Deutschlands in der arabischen Welt« und einem »Treiber von Entwicklungen« gesprochen. Inzwischen, so sagte der 54-Jährige als Reaktion auf Recherchen von RTL/n-tv zur Lage Homosexueller im Emirat, betrachte er die Vergabe der Fußball-WM an Katar sehr kritisch.

»Auf der einen Seite habe ich am Anfang auch immer gedacht: Wem gehört der Fußball? Gehört er nur Europa, gehört er nur Südamerika – oder gehört er der ganzen Welt?«, sagte Bierhoff. Anfangs also sei ihm der Gedanke, den Fußball weltweit stattfinden zu lassen, noch richtig erschienen. Doch »die Welt hat sich auch verändert«, sagte Bierhoff, und er ergänzte: »Die Anforderungen, die Ansprüche sind andere, auch der Fans, der Menschen. Insofern muss man das schon berücksichtigen.« Er fragte sich selbst: »Ja, wie konnte die Fifa die WM in dieses Land geben?«

RTL hatte die Reportage »Rote Karte statt Regenbogen – Homosexuelle in Katar« in der Nacht auf Donnerstag ausgestrahlt. Bei n-tv ist sie heute um 15.40 Uhr zu sehen. Darin war es den beiden RTL-Reportern gelungen, homosexuelle Kataris vor die Kamera zu bekommen und zur Situation zu befragen. Ein Interviewter sagte »Wir haben existenzielle Angst vor Bestrafung und Tod, denn was wir in unserer Jugend gelernt haben, ist, dass schwul sein eine Verirrung ist, nichts Natürliches.«

Es sei zu kritisieren, sagte Oliver Bierhoff, dass »im ersten Punkt nur vielleicht auf Stadien oder andere Punkte geachtet wurde, oder natürlich Kommerz, und nicht auf diese Aspekte wie Menschenrechte oder andere gesellschaftliche Themen«. Auf eine Änderung der Vergabekriterien müsse auch der Deutsche Fußball-Bund einwirken und damit deutlich machen, »dass die nächste Vergabe auch nur an Länder erfolgt, in der solche Dinge nicht passieren«.

Bierhoff würde Bekanntschaft aus LGBTQI+-Gemeinschaft nicht zur Reise nach Katar raten

Oliver Bierhoff würde seiner persönlichen Bekanntschaft aus der LGBTIQ+-Gemeinschaft nicht ohne größere Bedenken zu einer Reise nach Katar raten. »Es ist schwer, es ist schwer. Ich weiß es nicht«. Die Person in seinem entfernten Bekanntenkreis stamme auch »aus der arabischen Welt« und lebe »ständig in Angst, erwischt zu werden«, sagte Bierhoff. »Ich meine, das Schlimme ist natürlich die gesellschaftliche Ächtung, die man da ja heraushört. Das andere ist, wenn du in deinem Leben Angst hast und dann auch noch von einer staatlichen Institution gegängelt wirst – das ist natürlich schon dramatisch.«

Homosexuelle Handlungen stehen in Katar unter Strafe. Emir Tamim bin Hamad Al-Thani hat zuletzt beteuert, zur WM im Winter (21. November bis 18. Dezember) seien »alle Menschen willkommen«, allerdings müssten Besucher die Landeskultur respektieren. Der deutsche Nationaltorhüter Manuel Neuer hat offen gelassen, ob er auch bei der WM mit einer Kapitänsbinde im Regenbogen-Stil auflaufen will.

vgl/sid
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