Blick vom Berg Elgåhogna über den Femundsee
Blick vom Berg Elgåhogna über den Femundsee
Foto: Philipp Laage / DER SPIEGEL

Outdoorurlaub in Norwegen Durch die Wildnis zu sich selbst

Klarer denken und bewusster handeln, das wünschen sich viele. Also meditieren sie oder buchen Achtsamkeitsseminare. Unser Autor hatte eine andere Idee: fünf Tage in der nordischen Wildnis verbringen.
Aus Elgå berichtet Philipp Laage

»Ist mein Schlafsack noch am Rucksack?« Mein Freund Jan schaut kurz auf und bejaht, mehr aus Reflex. Dann sieht er genau hin. Nein, der Sack ist weg. Er muss irgendwo heruntergefallen sein. Nur wann? Auf jeden Fall nach der letzten Pause. Ich lege das Gepäck ab und laufe auf dem Weg, den wir gekommen sind, wieder zurück. Keine zehn Minuten dauert es, bis ich den Schlafsack auf dem Pfad liegen sehe. Glück gehabt.

Ohne Schlafsack wäre diese Tour für mich zu Ende, gleich an Tag zwei. Im Zelt würde ich nachts erbärmlich frieren, denn in der Femundsmark in Norwegen fällt die Temperatur auch im Juni noch auf fünf Grad, in höheren Lagen sind es oft auch noch weniger. Wir tragen alles, was wir in der Wildnis brauchen, auf dem Rücken: die Behausung, die Verpflegung, wenig mehr. Kein unnötiges Kilo zu viel. Deshalb hat jeder Gegenstand einen Wert, besonders der Schlafsack. Ich habe ihn außen am Rucksack getragen und muss das Band schlecht verknotet haben. Ein kleiner Fehler mit kapitalen Folgen. So ist es hier öfters. Das schärft den Blick für die Auswirkungen der eigenen Handlungen.

Im Femundsmarka-Nationalpark, direkt an der Grenze zu Schweden gelegen, ist man auf sich gestellt. Es gibt zwei bewirtschaftete Unterkünfte, aber die sind gerade noch geschlossen, sonst nur Selbstversorgerhütten. Markierte Wege führen durch eine weitläufige, gebirgige, oft baumlose und von klaren Seen durchzogene, typisch nordische Fjell-Landschaft. Keinen drei Menschen begegnen wir am Tag. Genau so haben wir es gewollt.

Einsames Tal in der Femundsmark

Einsames Tal in der Femundsmark

Foto: Philipp Laage / DER SPIEGEL

Flucht in die Wildnis

Jan und mir ist bewusst, dass wir einem Klischee hinterherreisen – dem Rückzug aus der hektischen Zivilisation, bepackt nur mit dem Nötigsten, um dadurch den Ballast des Alltags abzuwerfen, seinen Sorgen davonzulaufen, sich leerzulaufen. Auf diese Weise, so die Hoffnung, lassen sich die Dinge neu ordnen. Selbstfindung im Rhythmus mühsamer Bewegung, begleitet vom Rauschen eines Baches und von unbekannten Vogelstimmen. So ein Outdoortrip in Skandinavien riecht schnell streng nach Digital Detox, Achtsamkeitskitsch und heilsamer Entbehrung.

Jan möchte eine Woche sein WhatsApp nicht aufmachen, sagt er. Es laufe bei ihm einfach zu viel berufliche Kommunikation über die App, jeden Tag Anfragen, zu denen er sich verhalten müsse. Schluss damit. Ich hatte vor der Reise das Gefühl, zu viel zu sitzen und müde in Bildschirme zu starren. Ich wollte wacher werden. Ein Überdruss am modernen Leben? Das kommt mir ziemlich albern vor.

Im Grunde wollten Jan und ich einfach mal wieder Zeit miteinander verbringen. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren, aber der intensive Austausch bleibt – wie bei jeder Freundschaft – phasenweise auf der Strecke. Arbeit, Beziehungen, To-do-Listen und all die fiesen Hürden des Alltags. Hier im hohen Norden gibt es also viel zu erzählen. Wenn man sich so lange kennt wie wir, freut man sich darauf, weil der andere die Linien im eigenen Leben erkennt und versteht. Weil man dann wieder weiß, dass das, was man tut, halbwegs Sinn ergibt.

Nachtlager auf der Passhöhe

Nachtlager auf der Passhöhe

Foto: Philipp Laage / DER SPIEGEL

Für tiefgehende Gespräche ist aber zunächst keine Zeit. Einen Tag vor dem Malheur mit dem Schlafsack haben wir am Abend den kleinen Ort Elgå am Femundsee erreicht. Dort endet die Straße. Jan sagt: das Ende der Welt. Auto abstellen, die Rucksäcke schultern – und dann? Wir suchen eine Landkarte, um einen schönen Rundweg zu finden, aber das Besucherzentrum des Nationalparks ist geschlossen. Also beim Campingplatz anklopfen, dort gibt es die Karte. Die Frau aus der Lodge gegenüber rät uns dazu, von Tag zu Tag zu entscheiden, wohin es geht, je nach Wetter. Klingt sinnvoll, aber wir hatten geplant, eine feste Route abzulaufen. Typisch deutsche Touristen. Wir lassen den Plan ziehen, was sich sofort befreiend anfühlt.

Bleibt die Frage, wo wir übernachten. Wir möchten die Ortschaft noch heute hinter uns lassen. Kein Problem, Norwegen im Juni heißt endloses Licht. Ein markierter Trail führt zur Svukuriset-Hütte. Wir folgen ihm in den Wald und halten nach einem Lagerplatz Ausschau. Der Untergrund ist nicht ideal. Gebüsch, Sträucher, kaum ebener Grund. Neben zwei Holzstapeln finden wir eine flache Stelle, die uns halbwegs geeignet erscheint, zwischen Rehkot und Ameisenhaufen.

Wie baut man bloß dieses Zelt auf? Drei Jahre lag es im Schrank. Ich scheitere zunächst mehrfach an den Stangen. Reisemüdigkeit hängt hinter den Augenlidern, 700 Kilometer waren es von Stockholm in die Femundsmark. Irgendwann steht das Zelt. Isomatte aufpusten, Kocher an, Wasser erhitzen, eine Fertigmahlzeit aufgießen. Ich habe wirklich keine Lust mehr, mich mit mir selbst zu beschäftigen.

Jeder Morgen braucht seine Zeit

Wir schlafen erst einmal aus. Und folgen dann einem ausgedehnten Ritual, das sich jeden Morgen wiederholen wird: Kontaktlinsen einsetzen, raus aus dem Schlafsack, anziehen, raus aus dem Zelt, Morgentoilette, Kaffee kochen, eine Tasse schlürfen, wieder Wasser aufsetzen, frühstücken. Danach den Schlafsack und die Isomatte einrollen, Zelt abbauen, Rucksack packen, Karte und Handy zur Hand, einnorden. Das alles dauert eineinhalb Stunden.

Die geschlossene Svukuriset-Hütte lassen wir hinter uns, folgen einem Weg über einen Pass in Richtung Sylen, zu einem See. Langsam ist unser Tempo, der Rucksack schwer, der Boden von Felsen durchsetzt, wie so oft in dieser Gegend. Als wir die Passhöhe erreichen, ist es schon später Nachmittag. Die Sonne strahlt über eine windstille, einsame Ebene. Goldenes Licht, niemand sonst ist da. Hier schlafen wir heute. Am Morgen werden wir vom Flattern der Zeltplane geweckt. Es sind fast null Grad, wir verschieben den Morgenkaffee. Erst kehren die Sträucher zurück, dann geht es in einen Birkenwald.

Im skandinavischen Sommer sind die Tage lang

Im skandinavischen Sommer sind die Tage lang

Foto: Philipp Laage / DER SPIEGEL

Vom See aus folgen wir keinem markierten Trail mehr, sondern einem Pfad, den Jan als GPS-Route in einer Outdoor-App gefunden hat. Wir umrunden einmal den Berg Grøthogna, folgen dem Lauf eines Flusses in ein menschenleeres Tal, laufen hinein in einen Nachmittag, der nicht zu enden scheint. Am Wasser finden wir einen Lagerplatz mit Feuerstelle. Später dann, lange nach dem Essen, fällt das Licht der untergehenden Sonne so spektakulär über den Birkenhain, als hätte jemand die Landschaft am Computer für ein Fantasy-Epos designt. Alles strahlt, dahinter schiefergraue Wolken.

Weil wir in dieser skandinavischen Sommersonne nie müde sind, stehen wir um halb vier morgens auf. Wir laufen mit den ersten Strahlen los, doch schnell ziehen Wolken auf. Wie unterschiedlich die Landschaft sein kann, merken wir jetzt. Ausgedehnte Moore erwarten uns, Kälte steigt auf. Manchmal gehen wir eine Weile fehl, müssen zurück. Schließlich weitet sich das Tal, bald ist es wieder karg und von Felsen durchzogen. Keine zwei Stunden später folgen wir wieder einem Fluss, diesmal einem reißenden. Kiefern duften. Man hat den Eindruck, dies könnte auch Yellowstone oder Kanada sein. Abends zelten wir an einem See. Große Spannung immer bei der Frage, was wir zu Abend essen. Pasta Primavera oder Chicken Tikka Masala? Es ist angenehm, kaum Auswahl zu haben.

Wasserkochen ist ein tägliches Ritual

Wasserkochen ist ein tägliches Ritual

Foto: Philipp Laage / DER SPIEGEL

Habe ich hier, fernab der Zivilisation, schon etwas über mich selbst gelernt? Jedenfalls nichts, das mir nicht schon daheim aufgefallen wäre. Ich bilde mir ein, mich mittlerweile relativ gut zu kennen und meist zu wissen, was für mich richtig wäre. Oft scheitert es an der Umsetzung. Warum eigentlich?

Zu Hause habe ich oft das Gefühl, dass mein Kopf wie eine Kiste ist, in die ich täglich achtlos Dinge schmeiße, bis ich den Überblick verliere. Zum Beispiel darüber, was wichtig ist und nicht bloß dringend. Jeden Tag Input auf zig Kanälen, das Erschütternde und das Triviale wechseln sich schneller ab, als man es verarbeiten kann. Relevantes geht unter in Schwachsinn und Trash. Ich vermute schon länger, dass der Gegner nicht mein ruheloser Geist ist, sondern das Multitasking.

Im Gegensatz dazu sind die Tage in der Femundsmark angenehm sortiert. Wir machen eine Sache mit voller Aufmerksamkeit, dann die nächste, ohne Ablenkung. Auch, weil jede Handlung größere Konsequenzen hat als zu Hause. Wenn wir unsere Trinkflaschen nicht rechtzeitig füllen, haben wir später kein Kochwasser. Setze ich mir die Kontaktlinsen mit dreckigen Fingern ein, entzündet sich vielleicht mein Auge. Ragt ein spitzer Stein unter dem Zelt auf, könnte er meine Isomatte aufschlitzen. Außerdem sehen wir jeden Tag, wie viel Plastikmüll wir produzieren, weil wir nichts liegen lassen und alles mitnehmen.

Mal wieder in die Ferne schauen

Klar, manchmal kommt es zu einem Rückfall. Wir haben fast überall Netzempfang, können mit den Handys ins Internet. Dann verlieren wir uns für einige Minuten in den Apps, die uns sonst ständig die Zeit klauen. Doch meist fühle ich mich wach und gegenwärtig wie selten. Jan glaubt, dass wir tatsächlich schärfer sehen, weil wir häufiger in die Ferne blicken. Die Tage sind reich gefüllt mit einfachen Dingen: Laufen, Kochen, Essen, Zusammenräumen, Reden.

Wobei es gar kein ernstes, klärendes Zwiegespräch unter alten Freunden braucht, um bestimmte Dinge zu begreifen. Wir haben uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht, aber nicht jedes Problem analytisch durchleuchtet. Wir haben auch einfach ziemlich viel Unsinn geredet. Und anders als viele annehmen, wächst so etwas wie Verbundenheit zwischen Menschen ja eher im Seichten, im vermeintlich Belanglosen.

Am fünften Tag sind wir wieder in Elgå, früher als geplant. Das ist in Ordnung. Wir haben gefunden, was wir gesucht haben. Wir sind ruhiger geworden, weniger rastlos und – ich habe noch immer eine Aversion gegen das Wort – achtsamer. Ein Irrglaube wäre es zu meinen, man könne sich diesen Zustand bewahren, ihn mit nach Hause nehmen. Jan und ich wissen das, aber finden es nicht schlimm. Wir können wiederkommen, wenn wir es brauchen.