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Psychologin über Onlinetherapie »Klar, Taschentuch rüberreichen ist schwierig«

Während der Pandemie fanden viele Psychotherapiesitzungen per Video statt – nun wird das wieder eingeschränkt. Kathrin Schallenberg hat viele Menschen so betreut, hier spricht sie über Vorteile und Grenzen.
Ein Interview von Nike Laurenz

SPIEGEL: Frau Schallenberg, die offiziellen Infektionszahlen sinken, im öffentlichen Leben verschwinden die Masken – und Menschen kommunizieren weniger per Video als zuvor. Als Psychotherapeutin sehen Sie darin ein Problem?

Kathrin Schallenberg: Ich freue mich natürlich, dass die Zahlen runtergehen, auch wenn man hier Vorsicht walten lassen muss: Sie sind ja in vielen Orten immer noch enorm hoch. Sowohl in meinem privaten Umfeld als auch bei meinen Patienten beobachte ich derzeit so viele Infektionen wie zu keinem anderen Zeitpunkt in der Pandemie. Vielen Menschen tut es gleichzeitig sicherlich gut, dass wieder mehr persönliche Kontakte möglich sind. Im beruflichen Kontext beobachte ich als Psychotherapeutin mit Sorge, dass weniger videogestützte Psychotherapie möglich ist: Viele von uns haben in den vergangenen zwei Jahren Pandemie Therapiesitzungen per Video durchgeführt. Das war möglich, weil die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband Bund der Krankenkassen die Anzahl der zulässigen Videogespräche, die wir führen dürfen, hochgesetzt hatten: von zuvor 20 Prozent auf eine unbegrenzte Nutzung, also hundert Prozent. Es gab Wochen, da habe ich ausschließlich so therapiert. Nun hieß es plötzlich, die pandemiebedingte Sonderregelung zur Videosprechstunde laufe zum 1. April wieder aus. Wir dürfen nun maximal noch 30 Prozent unserer Psychotherapiesitzungen als Videotermin anbieten, hinzu kommen weitere Einschränkungen, wie beispielsweise, dass mindestens die ersten drei Sitzungen in Präsenz stattfinden müssen. Für uns Psychotherapeuten und viele Patientinnen und Patienten war das eine sehr unangenehme Überraschung.

SPIEGEL: Sie haben eine Onlinepetition ins Leben gerufen , die nach jetzigem Stand mehr als 46.000 Menschen unterschrieben haben. Was fordern Sie?

Schallenberg: Ich fordere, dass wir Psychotherapeuten unbegrenzt auf die Möglichkeit der Videotherapie zurückgreifen können. 30 Prozent genügen uns nicht. Der Wegfall der Sonderregel bringt uns in die unethische Situation, darüber entscheiden zu müssen, wer am Bildschirm therapiert werden darf und wer in die Praxis kommen muss. Die Pandemie hat das Auftreten psychischer Störungen und somit den ohnehin schon hohen Bedarf für Psychotherapie massiv verstärkt. In der aktuellen Versorgungslage warten Menschen mehrere Monate auf einen ambulanten Psychotherapieplatz. Nicht wenige Psychotherapeuten führen mittlerweile schon gar keine Wartelisten mehr, da der Bedarf auch die Wartelistenkapazitäten weit übersteigt. Videotherapie führt zu einer Verbesserung der äußerst prekären psychotherapeutischen Versorgungslage: Sie erlaubt allen Beteiligten mehr Flexibilität.

»Einige Kollegen haben erst und nur durch meine Petition davon erfahren.«

Kathrin Schallenberg

SPIEGEL: Wie hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung ihren Schritt begründet?

Schallenberg: Das hat sie gegenüber uns Expertinnen und Experten leider nicht wirklich. Die Änderung wurde extrem kurzfristig kommuniziert, einige Kollegen haben erst und nur durch meine Petition davon erfahren. Über die Gründe kann ich nur mutmaßen. Es kann sein, dass man sparen will: Videosprechstunden wurden, zumindest während der Pandemie, bezuschusst. Es kann aber auch sein, dass man sich der Linie der Politik anpassen wollte, die ja ebenfalls viele Regeln zurückgenommen hat, alle Zeichen stehen auf Rückkehr zum Alltag vor der Pandemie. Mit uns als praktizierende Fachgruppe hat vor der Entscheidung meines Wissens nach niemand gesprochen, das finde ich sehr schade. Einige, auch ich, haben selbst zu den Entscheidungsträgern Kontakt aufgenommen. Aber wir haben bisher nur wenig Resonanz erhalten.

SPIEGEL: Welche Vorteile brachten die vielen Videosprechstunden mit sich?

Schallenberg: Sie sind für all jene richtig und wichtig, die psychisch oder körperlich so eingeschränkt sind, dass sie es derzeit oder auch grundsätzlich nicht zur Praxis schaffen. Diese Patientinnen und Patienten haben die vergangenen zwei Jahre insofern als große Entlastung erlebt, als dass sie therapiert werden konnten, ohne zwischen der Infektionsgefahr, der Heimbeschulung der Kinder und dem Homeoffice hin- und herfahren zu müssen. Patienten, die in ländlichen Regionen leben, sparen eine Menge Benzin und somit auch Geld, wenn sie nicht kommen müssen. Menschen, die umgezogen oder ins Auslandssemester gegangen sind, mussten ihren Therapeuten nicht wechseln, die Videotherapie ermöglicht eine kontinuierliche Versorgung. Ich konnte per Video Übungen mit meinen Patientinnen und Patienten direkt in deren häuslichen Umfeld machen. Ich hatte selten so wenig Terminabsagen wie in der vergangenen Zeit. Die Pandemie hat gezeigt, was möglich ist: Es ergibt für mich keinen Sinn, uns diese Möglichkeiten nun wegzunehmen, einfach nur deshalb, weil es vor der Pandemie so gehandhabt wurde.

SPIEGEL: Ist die Videotherapie genauso wirksam wie die Vor-Ort-Therapie?

Schallenberg: Studien haben gezeigt, dass die Video- der Präsenzpsychotherapie in ihrer Wirksamkeit nicht unterlegen, sondern gleich gut ist. Da keine körperlichen Untersuchungen vorgenommen werden müssen, ist Psychotherapie gut per Video durchführbar. Bei erforderlichen körperlichen Untersuchungen kooperieren wir ohnehin mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, die diese übernehmen.

»Ich sehe nicht, wenn jemand unter dem Tisch nervös mit seinen Fingern spielt. Aber dafür sehe ich das Gesicht der anderen Person.«

Kathrin Schallenberg

SPIEGEL: Ein Videogespräch bedeutet ja immer auch: Sie sehen nicht, was Ihr Gegenüber sieht. Im Zweifel ist es bei Ihnen warm und bei dem anderen kalt. Körpersprachliche Signale bekommen Sie vielleicht nicht mit.

Schallenberg: Das stimmt, ist allerdings einseitig betrachtet. Natürlich sehe ich nicht, wenn jemand unter dem Tisch nervös mit seinen Fingern spielt. Aber dafür sehe ich das Gesicht der anderen Person. Momentan ist es ja noch so – und ich gehe davon aus, dass das auch noch eine Weile so bleiben wird –, dass während der Präsenztherapie eine FFP2-Maske getragen werden muss – zumindest halte ich es so, um meine Patienten und mich vor Infektionen zu schützen. Unter diesen Bedingungen geht bei Präsenztherapie die ganze Mimik verloren, auf beiden Seiten. Das passiert am Bildschirm nicht.

SPIEGEL: Und zehn Minuten wortlos weinen: Wie funktioniert das, wenn man als Patient und Psychotherapeutin in dieser Situation nur über ein Glasfaserkabel miteinander verbunden ist?

Schallenberg: Das funktioniert gar nicht so viel anders, als wenn wir uns beide im selben Raum befänden. Klar, Taschentuch rüberreichen ist schwierig. Aber ich kann sagen: »Möchten Sie sich ein Taschentuch holen? Brauchen Sie einen Schluck Wasser? Oder einfach einen Moment, in dem wir beide gar nichts sagen? Ich bin da.« Neulich hat eine Kollegin berichtet, dass einige ihrer Patienten in schwierigen Momenten von deren Haustieren profitieren, die sie sich in einem sehr traurigen Moment auf den Schoß holen können, das ist echter Trost. Ich habe das Gefühl, dass sich gute therapeutische Beziehungen über Videogespräche durchaus aufbauen lassen, wenn man möchte, sich mit diesem Medium wohlfühlt und den Patientinnen und Patienten zeigt: Ich lasse mich ein, ich unterstütze euch, ich bin hier.

SPIEGEL: Gibt es Patienten, für die die Videotherapie nicht infrage kommt?

Schallenberg: Die gibt es selbstverständlich und ich finde es wichtig, dass wir auch darüber sprechen. Denn es ist nicht so, wie es vielleicht wirkt: dass alle jetzt nur noch Therapie per Video wollen. Vielmehr gibt es auch immer noch einige Leute, die sehr gerne in die Praxis kommen möchten. Wenn eine Person zu Hause Konflikte in der Partnerschaft erlebt oder keine ruhige Gesprächssituation möglich ist, möchte sie von dort aus vielleicht nicht sprechen. Wieder andere sagen einfach: Ich mag es lieber persönlich. Das würde ich nicht ablehnen oder herunterspielen, diese Personen können gerne in die Praxis kommen. Das Relevante ist doch: die individuelle Entscheidung zulassen zu können. Wie kann und möchte jemand am besten an seinen Therapiethemen arbeiten?

SPIEGEL: Und wenn Sie Leute noch gar nicht kennengelernt haben? Würden Sie da gleich per Video starten?

Schallenberg: Warum nicht? Ich habe einige Patientinnen und Patienten, die ich bisher nur per Video kenne. Die fühlen sich wohl.

SPIEGEL: Welchen ökonomischen Unterschied macht es für Sie, statt einem Vor-Ort-Treffen den Videolink zu verschicken?

Schallenberg: Wir können das Videogespräch über eine spezielle Gebührenordnungsziffer tatsächlich so abrechnen, dass sich damit geringfügig mehr verdienen lässt. Aber wissen Sie, darum geht es mir gar nicht. Ich bin im Anstellungsverhältnis, für mich macht das finanziell also gar keinen Unterschied. Ich würde dasselbe fordern, wenn es diese Ziffer nicht oder nicht mehr gäbe.

SPIEGEL: Die Videotherapie können Sie rein theoretisch von überall aus anbieten. Stecken hinter Ihren Forderungen auch persönliche Beweggründe?

Schallenberg: Nein, denn in der Praxis wäre ich so oder so, da ich ja auch Präsenztermine anbiete. Für mich ergibt sich schon etwas mehr terminliche Flexibilität, da vielleicht Menschen, die im Homeoffice arbeiten, mittags eine Stunde Videotherapie wahrnehmen können, was bei zuzüglichen Fahrtzeiten so nicht möglich wäre. Ich möchte mich nicht nach Spanien absetzen, um meinen Job von dort aus zu machen. Ich möchte, dass die bestehenden Versorgungsprobleme reduziert werden. Es gibt viele berechtigte Regeln, die die Qualität unserer psychotherapeutischen Versorgung sichern sollen, das ist gut und wichtig. In diesem Fall muss jedoch gelten: Wir, die ganz nah dran sind, entscheiden gemeinsam mit unseren Patientinnen und Patienten, was für sie gerade die beste Versorgung darstellt.