Coronavorsorge Mein Vorrat für den Winter: vier Kilo Spaß, fünf Milligramm Endorphine

Eine Midlife-Kolumne von Christina Pohl
Eine Midlife-Kolumne von Christina Pohl
Ja, ich bin vielleicht zu alt dafür, und ja, der Gesundheitsminister rät ab von solchem Tun. Aber ich lasse zurzeit trotzdem keine Party aus. Man weiß ja nie, wann die nächste Durststrecke kommt.
Zwei Liter Glück (Symbolbild)

Zwei Liter Glück (Symbolbild)

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Yuri Arcurs / Getty Images

Völlig erschöpft sinke ich nieder. Mir ist leicht flau hinterm Bauchnabel, mein Hintern tut weh, ich mach die Augen zu. Sekunden später schlafe ich ein. Das sind die Folgen eines wilden Wochenendes. Ich war in praller Sonne fast 40 Kilometer zu einer Landparty geradelt, hatte gefeiert, bis die Wolken lila wurden und offensichtlich zu wenig geschlafen.

»Geht's noch? Du bist doch keine 18 mehr!« (Notiz an mich selbst nach dem Aufwachen)

Mir ist, als wäre ich insgesamt in den vergangenen Wochen zum Erleben erwacht. Wie ein alter Suchtknochen nehme ich alle Termine wahr, die mir über den Weg laufen. Ich folge jeder Einladung, buche Konzertkarten und werde Vereinsmitglied. Dabei haben gleich mehrere Klubs eine Überweisung von mir erhalten. Ein Schwimmverein und ein Paddelring sind darunter. Ich gehe wieder Kickern, wie vor dreißig Jahren.

»Übernehme ich mich?« (Frage an mich selbst)

Ich kann meinen Erlebnishunger kaum stillen nach zwei Jahren quasi in Selbstisolation. Ich fasse wieder Menschen an und freue mich, wenn Hunde sich wärmend auf meine Füße legen, die wegen schlechter Durchblutung nach Alkoholgenuss eisig sind.

»Ist doch schön, back to life, ist doch ganz normal, geradezu menschlich.« (Einwurf an mich selbst)

Doch ich trage so eine merkwürdige Unruhe in mir. Das alles könnte bald schon wieder vorbei sein. Sommerwelle, Gaskrise, Putin am »roten Atomknopf«, alles ist vorstellbar mittlerweile.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Deswegen muss ich alles mitnehmen, was ich kriegen kann.

»Ist das altersgemäß, achte ich genug auf mich selbst?« (Was für eine blöde Frage, scheißegal!)

Aber es geht nicht mehr so leicht wie in den Achtzigern. Mein altes Dorfpunk-Motto »No Future« fühlt sich jetzt realer an. Klar, ich kann nicht mehr sagen, dass ich nicht älter als 30 werden will. Und Tschernobyl ist nicht mehr auf eine nukleare Katastrophe begrenzt. Die Russen hatten es kürzlich besetzt. Es herrscht Krieg in Europa.

Deswegen muss ich fast zwanghaft Erlebnisse tanken, bevor dieser Rohstoff wieder knapper werden könnte. Ich quatsche Leute ungefragt an, umarme Menschen, die ich nicht so furchtbar gut kenne und wanze mich an Jugendliche bei Partys heran (mega-cringe!). Insgesamt ist das kein guter Rhythmus. Mein Erlebnishunger bringt mich auf ein Level, als ob ein Rennwagen mit bis zu 9000 Umdrehungen laufen würde. Ich prügele mich seit ein paar Wochen im roten Bereich auf der Überholspur.

»Gesund ist das nicht. Auf Dauer.« (Ansage an mich selbst)

Doch ich kann nicht aufhören. Könnte ja morgen vorbei sein. Ich hamstere Geschehen, Veranstaltungen und Ausnahmesituationen wie andere Leute Speiseöl.

»Vielleicht ist das völlig nutzlos und ich sollte besser auf den Bundesgesundheitsminister hören .« (Einwand an mich selbst)

»Meine persönliche Checkliste« habe ich gelesen. Das ist ein »Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen« des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Mehl und Kartoffeln soll ich kaufen, haltbare Dosenfrüchte und Nüsse besorgen, 20 Liter Wasser pro Person einlagern. Das soll für zehn Tage reichen. Vielleicht sollte ich auch unsere Hausapotheke checken, für einen Energieausfall vorsorgen und mein altes Radio mit Batterien befüllen. Die Bundesregierung warnt vor Hochwasser, Stromausfall oder Sturm, aber ich denke sofort an Pandemie 3.0, Krieg oder eine Nuklearkatastrophe. Und diese Art von Notfallsituation ist in der Regel nicht nach zehn Tagen vorbei.

Bunker? Haben wir abgeschafft in Deutschland.

Also sammle ich stattdessen Ereignisse, horte sie in meinem Event-Luftschutzraum. Jede Begegnung, jedes Geschehnis wird archiviert wie in der »Halle der Gesichter« in Game of Thrones. Nur will ich nicht »Niemand« sein wie Tom Wlaschiha alias Jaqen H'ghar in der Serie. Ich will »Jemand« sein mit Gesicht und einem Schatz an prallem Leben. Ich habe Angst davor, im Winter blank dazustehen. Wie ein Eichhörnchen verbuddele ich nahrhafte Nervenkitzel-Nüsse und fresse mir ein Freuden-Fettpolster an wie ein Igel vor dem Winterschlaf.

»Aber ist das weise? Kann man davon wirklich zehren? Bist du für den emotionalen Notfall gewappnet?« (Selbstzweifelattacke)

Auch bei den Partys steht das Thema auf der Small-Talk-Liste ganz oben. »Bist du ein ›Prepper‹, hast du vorgesorgt, was hast du eingelagert?« Ich schaue dann unbeteiligt zur Seite. Ich kann ja schlecht sagen, dass ich schon vier Kilo Spaß, zwei Liter Glück, sechs Schüttraummeter Freude und fünf Milligramm Endorphine zur Seite geschafft habe. Ich lästere lieber mit ein paar anderen Partygästen über die Deutschen und ihre Leidenschaft für Mehl und Sonnenblumenöl. »Die Franzosen würden bestimmt einen guten Cognac und haltbare Gourmet-Edelpilzkäse mit in den Bunker nehmen. Aber die haben wir ja abgeschafft in Deutschland.« Das erzeugt hysterisches Gelächter beim Feiervolk.

Die Wahrheit ist, dass wir zu der Generation gehören, die in der Regel gut versorgt war. Es war eigentlich immer warm und regnete nicht rein. Wir wussten nicht zu schätzen, wie gut es uns ging. Wir waren selten mit einer lebensbedrohlichen Angst konfrontiert. Wie schön es vor dem März 2020 war, wissen wir erst im Nachhinein zu bewundern.

So von der Realität geschüttelt, wanke ich in den Garten. Ich hacke Holz, bevor der ehemalige KGB-Agent Putin den Gashahn komplett zudreht. Dann kann ich mich nicht nur an meinen gehorteten Emotionalien wärmen im Winter, ich habe zumindest auch ein bisschen in der Realität vorgesorgt.