Richard C. Schneider

Judenhass bei der Documenta Diese Kunst tötet

Richard C. Schneider
Ein Gastbeitrag von Richard C. Schneider, Tel Aviv
Ein Gastbeitrag von Richard C. Schneider, Tel Aviv
Ist Antisemitismus von der Kunstfreiheit gedeckt? Nein, denn solche Bilder sind mitverantwortlich dafür, dass meine Familienmitglieder ermordet wurden.
Protest gegen antisemitische Ausstellung auf der Documenta in Kassel

Protest gegen antisemitische Ausstellung auf der Documenta in Kassel

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Andreas Fischer / epd

Das Szenario ist mir bestens bekannt. Jemand sagt oder tut etwas Antisemitisches. Anschließend heißt es, man habe aber niemanden verletzen wollen. Das sei alles nicht so gemeint gewesen. Ein Missverständnis, man sei natürlich nicht antisemitisch. Aus dem Täter wird ein Opfer, das sich von all jenen in die Ecke gedrängt fühlt, die sich über die Sache aufregen. Es sind zuallererst wir Juden, die sich aufregen. Die anderen ziehen nach. Wenn überhaupt.

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Markus Röleke / Verlagsgruppe Droemer Knaur

Richard C. Schneider, geboren 1957, ist ein deutscher Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. Von 2006 bis Ende 2015 leitete er das ARD-Studio in Tel Aviv. Heute ist er Editor-at-Large beim BR/ARD. Schneider lebt in Tel Aviv.

Es geht um die Documenta und das »progressive Kollektiv« Taring Padi, verantwortlich für das inzwischen abgeräumte antisemitische Werk. Taring Padi schwafelte, es sei »zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment« geworden. Was für eine Hybris! Die Behauptung, dass dieses Werk in »diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird«, zeugt entweder von der unglaublichen Dummheit dieser »Künstler« oder aber einer dreisten Verteidigungsstrategie. Es geht nicht um Deutsche oder deren Kontext. Antisemitismus ist, leider, universal. Wo, in welchem Land, in welcher Kultur er sich manifestiert, ist egal.

Meines Erachtens wusste die Leute von Taring Padi genau, was sie tun, auch wenn sie es nicht zugeben wollen. In ihrer Presseerklärung hieß es, man habe die »Figuren, Zeichen, Karikaturen und andere visuellen Vokabeln« in einem »kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen« bezogenen Kontext dargestellt. Damit soll auf den »Globalen Süden« angespielt werden, eine schwammige Begrifflichkeit, die sich einzig durch ihren Erfahrungsgegensatz zum »weißen« Norden oder Westen zu definieren versucht.

Wer sich die Darstellung der Juden in dem angeblichen Kunstwerk genauer anschaut, erkennt rasch, dass die antisemitischen Stereotypen, derer sich das Künstlerkollektiv aus Indonesien bedient, europäisch sind. Man kennt diese Karikaturen seit Jahrhunderten, den triefäugigen Juden mit Hakennase und Schläfenlocken, das jüdische Schweinegesicht. All das, inklusive der Details, steht in antisemitischer europäischer Tradition. Die »andere« kulturelle Erfahrung? Fadenscheinig. Denn wer die antisemitischen Karikaturen in den Medien der muslimischen Welt kennt, weiß, woher die Vorbilder stammen. Aus Europa, natürlich aus dem »Stürmer«, aber auch aus antisemitischen Darstellungen in späteren kommunistischen Systemen. Taring Padi will das nicht gewusst haben?

Schlimmer noch sind die deutschen Stimmen, die inzwischen nicht mehr leugnen können, dass der Antisemitismus auf der Documenta Einzug gehalten hat, die aber immer versuchen zu relativieren, auch hier im SPIEGEL . Ja, die Freiheit der Kunst gilt auch für schlechte Kunst – geschenkt. Aber nicht für Antisemitismus. Ob es um ein Werk wie Rainer Werner Fassbinders Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« ging, in der eine Figur als »reicher Jude« betitelt wird, oder im Fall der Documenta: Solche »Kunst« kann töten. Sie hat getötet.

Viele erregten sich, als 1985 die Jüdische Gemeinde Frankfurt die Bühne des Frankfurter Schauspiels besetzte, um die Uraufführung des Fassbinder-Stücks zu verhindern. Man war empört über angebliche Zensur, man solle das Stück doch zeigen, um eine »Debatte« anzustoßen. Soll jetzt wieder eine Debatte angestoßen werden? Worüber? Dass Antisemitismus Antisemitismus ist?

Nein, ich will solche antisemitischen Stereotypen nicht im öffentlichen Raum sehen. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass Hunderte Menschen meiner Familie ermordet, meine Eltern in die Konzentrationslager gesteckt wurden. Es ist keine Neuigkeit, dass vor jedem Massenmord, jeder Vernichtung, die Entmenschlichung des angeblichen Feindes steht. Wort- und Bildsprache gehen der Tat voraus, sie bereiten sie vor, sie stimmen die Menschen darauf ein, was noch kommen soll. Ob es sich um »gute« oder »schlechte« Kunst handelt, darauf kommt es wahrlich nicht an.

Scheinbar liberale Forderungen nach Freiheit der Kunst setzen sich über meine Erfahrung, über die Verfolgungs- und Unterdrückungserfahrung von Juden einfach paternalistisch hinweg. Jemand, der zur Mehrheitsgesellschaft gehört, sollte vorsichtig mit seinen Forderungen sein und lieber auf die Sensibilitäten jener eingehen, die solcher Aggression unmittelbar ausgesetzt sind. Und ihre Folgen kennen.

Was nun mit dem Bild auf der Documenta geschehen ist, ist typisch für den Umgang mit Antisemitismus in Deutschland: halbherzig, unentschlossen, irgendwie komisch, peinlich. Erst wird das Bild verdeckt, was von Kunstliebhabern als Metapher für den »versteckten Antisemitismus« in der Gesellschaft gedeutet werden könnte. Dann wird das Bild schließlich doch abgehängt. Aber nicht aus Überzeugung, sondern unter Druck.

Nicht nur Taring Padi hat nichts begriffen, auch die für die Documenta Verantwortlichen nicht. Nicht nachgedacht, nichts gelernt. Und beim nächsten Mal wird es wieder so sein. So macht man Antisemitismus hoffähig, von Skandal zu Skandal. Und irgendwann ist es Normalität.