Ukrainischer Botschafter in Deutschland Melnyk wirft Scholz Führungsschwäche vor

Für einen Diplomaten wählt Andrij Melnyk gern ungewöhnlich klare Worte. So auch bei seiner Einschätzung von Olaf Scholz‘ Auftritt in Davos: »Die Ukraine wird von Berlin im Stich gelassen.«
Andrij Melnyk (am 8. Mai)

Andrij Melnyk (am 8. Mai)

Foto: CLEMENS BILAN / EPA

Es ist gerade einmal drei Wochen her, da ließ Andrij Melnyk zuletzt mit einer höchst undiplomatischen Aussage über den deutschen Bundeskanzler aufhorchen. Nun hat der ukrainische Botschafter in Deutschland nachgelegt. Auf die Bezeichnung »beleidigte Leberwurst« verzichtete er zwar – weniger Wucht hat seine Aussage deswegen aber nicht.

Melnyk wirft Olaf Scholz (SPD) mangelnde Führungsstärke und eine Missachtung ukrainischer Interessen vor. Kiew habe sich erhofft, aus der Rede von Scholz auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos herauszuhören, mit welchen ganz konkreten Schritten die Ampel die Ukraine massiv unterstützen wolle, sagte Melnyk der »Bild«  einem Vorabbericht zufolge.

»Leider war das eine Fehlanzeige, vor allem in Bezug auf sofortige Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland, um die Riesenoffensive der Russen im Donbass zu ersticken«, so der Botschafter. »Militärisch wird die Ukraine von Berlin schlicht und einfach im Stich gelassen«, so Melnyk weiter.

Auch bei dem Thema EU-Mitgliedschaft habe es keine ermutigenden Signale an die Ukrainer gegeben. Melnyk griff Scholz laut dem Bericht auch direkt an: »Dazu fehlen wohl die Führungskraft und Courage.«

Eklat um die »Leberwurst«-Beleidigung

Die »Leberwurst«-Aussage stammt von Anfang Mai. Dabei ging es um die Weigerung des Deutschen, nach Kiew zu reisen und so ein Symbol zu setzen. »Eine beleidigte Leberwurst zu spielen, klingt nicht sehr staatsmännisch«, spottete der ukrainische Botschafter damals. »Es geht um den brutalsten Vernichtungskrieg seit dem Naziüberfall auf die Ukraine, es ist kein Kindergarten«, wird Melnyk zitiert.

Scholz hatte die Reise verweigert und dabei auf die Ausladung von Frank-Walter Steinmeier verwiesen. Der Bundespräsident, der als Außen- und Kanzleramtsminister die frühere deutsche Russlandpolitik entscheidend mitgeprägt hat, hatte mitgeteilt, die ukrainische Führung habe seinen Besuch abgelehnt.

Inzwischen ist dieser Streit zwar weitgehend ausgeräumt, allerdings sind weder Steinmeier noch Scholz in das Kriegsland gereist.

jok/dpa