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Gestorben Ali Mitgutsch, 86

aus DER SPIEGEL 3/2022
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Rolf Vennenbernd / dpa

Er selbst hatte keine glückliche Kindheit, machte aber Millionen Kinder glücklich. Sie verdanken dem Münchner die Freude an Unordnung, kleinen Missgeschicken und einem pinkelnden Jungen, den der Illustrator gern in seinen XXL-Bildern versteckte. Alfons Mitgutsch, seit der Kindheit Ali genannt, gilt als Erfinder der Wimmelbücher, die sich millionenfach verkauften. Sein erstes Werk dieser Art, »Rundherum in meiner Stadt« von 1968, ist ein Klassiker des Genres. Fantasie spielte in seinem Leben schon früh eine zen­trale Rolle. Seine religiöse Mutter nahm ihre Kinder auf lange Wallfahrten mit und hielt sie mit erfundenen Geschichten bei Laune. Wenn Mitschüler ankündigten, den schmächtigen Ali zu verprügeln, floh der Außenseiter in Gedanken zu zwei erdachten Rettern: dem starken Jumbo und dem listigen Fritz. Sein vielleicht schönstes Kindheitserlebnis nach dem Krieg war eine Fahrt mit dem Riesenrad. Von oben staunte Mitgutsch über »Bilder mit vielen Details«, wie er in seiner Autobiografie schrieb, »es passierte so viel gleichzeitig«. Diese Vogelperspektive auf das Gewusel übernahm er, angeregt vom Pädagogen Kurt Seelmann, in seinen Büchern. Sie lösten Kontroversen aus: Kritiker fürchteten, das Gewimmel überfordere Kinder. 2018 erhielt Mitgutsch das Bundesverdienstkreuz. Er arbeitete bis ins hohe Alter und bastelte dreidimensionale Wimmelbilder für Erwachsene: Guckkästen, die kleine Geschichten erzählen. Ali Mitgutsch starb am 10. Januar in München.

cgu
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