Streit über Antisemitismus Kanzler Scholz verzichtet auf Documenta-Besuch

Olaf Scholz fährt normalerweise gern zur Documenta. Jetzt schlägt der Kanzler nach SPIEGEL-Informationen einen Trip nach Kassel aus. Das wegen antisemitischer Darstellungen kritisierte Plakat nennt er »abscheulich«.
Olaf Scholz reist in diesem Jahr nicht nach Kassel

Olaf Scholz reist in diesem Jahr nicht nach Kassel

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Clemens Bilan / EPA

Bundeskanzler Olaf Scholz wird die Documenta in Kassel in diesem Jahr nicht besuchen. Dies bestätigte eine Regierungssprecherin dem SPIEGEL. Die »Jüdische Allgemeine« hatte zuerst darüber berichtet . Scholz halte es für »völlig richtig und angemessen«, dass ein Wandgemälde der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, auf dem judenfeindliche Abbildungen zu sehen sind, inzwischen entfernt wurde. Die Regierungssprecherin sagte weiter: »Bundeskanzler Olaf Scholz findet die besagte Abbildung in Kassel abscheulich.«

In Deutschland sei kein Platz für antisemitische Darstellungen, auch nicht auf einer Kunstausstellung. Zudem fordert der Bundeskanzler Konsequenzen aus dem Skandal um das Bild: »Darüber hinaus sollte sich die Documenta-Leitung nach Überzeugung des Bundeskanzlers ihrer Verantwortung für diesen Vorgang stellen und sich prüfen. Im Vorfeld dieser renommierten Ausstellung gab es eine ganze Reihe von Warnungen– umso irritierender ist es, dass es nun dennoch zu diesem Skandal gekommen ist.«

Auf dem entsprechenden Werk, einem 20 Jahre alten Großplakat, sind unter vielen anderen emblemhaften Darstellungen auch antisemitische Motive zu sehen, auf dem schwarzen Hut eines Mannes, der offenbar eine Schläfenlocke trägt, etwa SS-Runen, ein Mann mit Schweinsnase wird als Angehöriger des Mossad ausgewiesen. Bereits am Montag war es verdeckt worden. Nach Kritik hatte die Documenta-Leitung das Werk erst verhüllen lassen, inzwischen wurde es komplett aus der Ausstellung entfernt.

Zu sehen war das umstrittene Werk seit Freitagabend im öffentlichen Raum und da an zentraler Stelle, auf dem Friedrichsplatz nahe der Documenta-Halle. Jeder hat es also sehen können, wobei es erst am letzten der drei sogenannten Vorbesichtigungstage angebracht worden war, nachdem die meisten Fachjournalisten abgereist waren. Allerdings hing es damit schon, als der Bundespräsident am Samstag Teile der Ausstellung besichtigte. In seiner Rede hatte er von den Grenzen der Kunstfreiheit gesprochen.

Die 1998 gegründete Gruppe Taring Padi war eingeladen worden, um in Kassel »die Protestkultur Indonesiens wieder auferstehen« zu lassen. Laut Documenta verweise der Name – übersetzt: »Reis-Fangzähne« – auf die scharfe Spitze eines Reiskorns. Lebensgroße Puppen und riesige Banner sollten unter anderem »durch eine markante und satirische Ikonografie« politische Botschaften vermitteln, oft würden diese lokale Missstände anprangern. Agitation sei einer der Schwerpunkte der Arbeit.