Ulrike Knöfel

Olaf Scholz und die Documenta Ein Skandal dieser Regierung

Ulrike Knöfel
Ein Kommentar von Ulrike Knöfel
Ein Kommentar von Ulrike Knöfel
Der Bundeskanzler tut plötzlich so, als liege Kassel kurz vor Jakarta. Doch Scholz und seine Leute sind mitverantwortlich für das Documenta-Debakel. Und das muss Folgen haben.
Kanzler Scholz Ende Mai in Potsdam

Kanzler Scholz Ende Mai in Potsdam

Foto: Eberhard Thonfeld / IMAGO

Olaf Scholz macht also einen Bogen um Kassel. Gestern ließ der Bundeskanzler verlauten, er sei seit 30 Jahren »wohl« immer zur Documenta gefahren, dieses Mal aber wolle er nicht. Das zeigt, wie nervös die Bundesregierung ist. Ein schlechtes Licht ist nicht nur auf die Documenta, sondern auch auf Scholz' Ampelkoalition gefallen. Seine Kulturstaatsministerin Claudia Roth muss sich Rücktrittsforderungen anhören. Kulturstaatsministerin klingt nach viel, doch Roth, obwohl eine der prominentesten Grünen, ist letztlich nur eine Abteilungsleiterin im Kanzleramt. Was sie macht, auch was sie falsch macht, muss sich ihr Vorgesetzter anrechnen lassen.

Kulturstaatsministerin Roth auf der Documenta anlässlich der Eröffnung

Kulturstaatsministerin Roth auf der Documenta anlässlich der Eröffnung

Foto: Rüdiger Wölk / IMAGO

An der Stelle muss gesagt werden: Roth hat sich nicht um den Job gerissen. Sie wurde eher angefleht, ihn zu übernehmen, während es SPD-Leute gab, die um den Posten gekämpft hatten. Doch kurz vor Ende der Koalitionsverhandlungen wurde das Amt den Grünen zugesprochen, weil es sonst so ausgesehen hätte, als wären diese zu kurz gekommen. Die Grünen mussten dann erst einmal jemanden finden, mit dem sie die Stelle besetzen konnten. Sie sind nicht gerade bekannt für kulturpolitische Kompetenz, also holten sie Roth aus dem gefühlten Ruhestand zurück. Immerhin hatte sie früher mal die Band von Rio Reiser gemanagt.

Zudem wurde beschlossen, einen leitenden Beamten als Macher an Roths Seite zu stellen, Andreas Görgen, der früher für Frank-Walter Steinmeier im Außenministerium gewirkt hatte. Womöglich als Trost dafür, dass Görgen nicht mit Steinmeier ins Bundespräsidialamt durfte, fand er sich jetzt in der Nähe von Scholz wieder. Gibt Roth ein Interview, kann es vorkommen, dass sich ihr Beamter einfach einmischt. Gewisse Fragen scheint er nicht zu mögen.

Was das Duo Roth/Görgen für die deutsche Kultur bedeutet, spielte bei der Berufung keine Rolle. Nun hat man das Ergebnis. Zwar hat Roth keinen direkten Einfluss auf die Documenta. Doch sie tat monatelang so, als habe sie alle richtig eingestimmt. Warnungen wies sie zurück, die des Zentralrats der Juden, aber auch anderer Organisationen. Der Skandal von Kassel ist damit auch ein Roth-Skandal und ein Skandal der Regierung. Selbst wenn von Steinmeier über Scholz bis Roth jetzt alle lieber mit dem Finger nach Kassel zeigen und dabei so tun, als liege die Stadt nicht in Hessen, sondern kurz vor Jakarta.

Der Documenta-Skandal ist ein Skandal dieser Regierung. Es muss etwas passieren, nicht nur in Kassel, auch in Berlin.

Es ist leicht, sich über den Antisemitismus aus Indonesien zu empören. Angenehmerweise lässt sich so vom eigenen Antisemitismus ablenken. Doch es gibt Gründe, weshalb hier vor jeder Synagoge Polizisten stehen. So ließe sich anhand der Documenta darüber sprechen, wo man endlich mal hinblicken sollte – und nicht betont wegschauen, wie Scholz es mit seinem Documenta-Boykott vormacht. Bei ihm wirkt es so, als ließe sich der ganze sogenannte Globale Süden übersehen.

Ein früherer Documenta-Macher hat aufgezeigt, wie sehr die koloniale Geschichte die Gegenwart prägt: Okwui Enwezor, zuständig für die Documenta des Jahres 2002. Später wurde er Museumsdirektor in München, wenige Monate vor seinem Tod 2019 gab er dem SPIEGEL ein Interview, er sagte: »Hier, nicht weit von meiner Wohnung, marschierten jeden Montagabend Pegida-Anhänger durch die Straßen. Ich kam oft gerade von der Arbeit nach Hause, ich habe sie gesehen. Das verdeutlichte im Grunde noch meine Position hier, als Afrikaner in einer überwiegend monokulturellen Stadt bin ich einer, der außen vor steht. Und man fragt sich dann, darfst du dich sicher fühlen? Wer hilft dir, wenn dir etwas passiert? Das geht einem einfach durch den Kopf.«

In den Reaktionen der Politik auf die Documenta zeigen sich die typischen Reflexe – man spricht gern über die Fehler der anderen, nicht über die eigenen. Olaf Scholz und seine Regierung machen vor, wie man sich selbst etwas vormacht. Natürlich muss etwas passieren, nicht nur in Kassel, auch in Berlin.