Die große Vorschau fürs Finale Der ESC-Sieg ist der Ukraine nicht zu nehmen – oder doch?

Allenthalben wird ein ukrainischer Triumph beim Eurovision Song Contest erwartet, auch als Zeichen der Solidarität. Doch tickt die europäische Öffentlichkeit so? Es gibt viele musikalische Angebote im Finale – hier sind sie.
Ukrainischer Act Kalush Orchestra beim ESC-Halbfinale vor blau-gelbem Hintergrund

Ukrainischer Act Kalush Orchestra beim ESC-Halbfinale vor blau-gelbem Hintergrund

Foto: ALESSANDRO DI MARCO / EPA

Startnummer 01: Tschechische Republik

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We Are Domi – »Lights Off«

Zwei Länder versuchten es 2022, mit tanzbarer elektronischer Musik ins Finale zu kommen. Doch während Österreichs DJ Lumix an einer arg einschränkenden Bühneninszenierung und dem etwas unsicheren Vortrag von Sängerin Pia Maria im ersten Halbfinale scheiterte, setzte sich Tschechien am Donnerstagabend durch. An Selbstbewusstsein mangelte es der namensgebenden Sängerin Dominika Hašková nicht. Die Tochter des tschechischen Eishockeytorwarts Dominik Hašek, der in der NHL spielte, bekommt die großen Gesten und die für die Steigerungen dramaturgisch wichtigen »Where Are You Now?«-Schreie souverän und raumgreifend hin. Ihre beiden Mitmusiker, zwei Norweger, die sie an der Leeds University kennengelernt hat, strahlen eher Tüftlercharme als David-Guetta-Grandezza aus. Viel Norwegen im diesjährigen ESC, entwickelt sich Norwegen etwa zum neuen Schweden?

Großraumdisco-Faktor: 5/10

Siegchancen: 4/10

Startnummer 02: Rumänien

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WRS – »Llámame«

Jetzt schon Spanien? Nein, auch wenn der häufig wiederholte Refrain aus den im Wechsel gesungenen spanischen Zeilen »Hola, mi bebébé« und »Llámame, llámame« besteht (Hallo, mein Schatz, ruf mich an): Der Sänger Andrei Ionuț Ursu kommt nicht aus Sevilla, sondern aus Buzău in Rumänien. Aber der weltweite Erfolg des Latin-Pop bleibt natürlich auch bei der Trend-Verarbeitungs-Maschinerie ESC nicht folgenlos. Wobei allerdings die modernen Sounds von Reggaeton oder Trap hier außen vor bleiben: Musikalisch haben wir es mit kastagnettengetriebenem Euro-Pop zu tun, zu dem der Boygroup-erfahrene Ursu sein tänzerisches Talent vorführen kann. Immerhin gehörte er lange dem Fernsehballett des rumänischen Privatsenders Pro TV an. Von der guten Laune, die sein Song ausstrahlt, gilt es noch lange zu zehren im Verlaufe des Abends.

Torero-Faktor: 5/10

Siegchancen: 3/10

Startnummer 03: Portugal

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MARO – »Saudade, Saudade«

Die 27-jährige Mariana Secca, die sich als Sängerin MARO nennt, singt über etwas, wovon alle, die sich je vage mit Portugal befasst haben, schon einmal gehört haben: »Saudade«, das angeblich so unübersetzbare Gefühl irgendwo zwischen Sehnsucht, Trauer und einem bisschen Glück. Da die in den USA ausgebildete Sängerin im Lied ihren Großeltern nachsingt, ist es aber höchst allgemeinverständlich, auch für Nichtportugiesen. MARO hat eine wirklich sehr schöne Stimme, ein bisschen wie die Britin Sade. Sanft und tastend beginnt ihr Song – und bleibt dann mehr oder weniger so, bloß ein paar Händeklatscher und der Chorgesang von fünf Frauen kommen dazu. Die stehen auf der Turiner Bühne im Kreis mit MARO und singen einander an, was fürs Saalpublikum befremdlich wirken mag, aber im Fernsehen überzeugend therapeutisch herüberkommt. Ganz leise kommen Erinnerungen an Portugals einzigen ESC-Sieg von Salvador Sobral hoch – aber so herausstechend in seiner Ernsthaftigkeit ist »Saudade, Saudade« im diesjährigen Feld dann doch wieder nicht.

Selbsthilfegruppen-Faktor: 7/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 04: Finnland

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The Rasmus – »Jezebel«

Es war ein bisschen ruhig geworden um die finnische Rockband The Rasmus, die 2003 mit »In the Shadows« einen Welthit gelandet hatten und danach noch ein paar Jahre lang regelmäßig in den europäischen Charts auftauchten. Zeit, was Neues zu probieren: Warum nicht mal für den ESC bewerben? Gründungsmitglied Pauli Rantasalmi wollte da nicht mitmachen und wurde an der Gitarre ersetzt von Emppu Suhonen, die zu The Rasmus’ Hochzeiten als Mitglied der Girlgroup Tik Tak in Finnland bekannt war. Bei der Zeile »A girl who looks like she’s a boy« zwinkert Frontmann Lauri Ylönen der Gitarristin keck zu. Den Song hat Ylönen geschrieben zusammen mit einem Top-Experten auf dem Feld des hymnischen Rocksongs: Desmond Child. Der Mann war an »I Was Made for Loving You« von Kiss, »Livin’ on a Prayer« von Bon Jovi und »Livin’ la Vida Loca« von Ricky Martin beteiligt, was soll da schiefgehen? Vorsicht: Child schrieb auch an Bonnie Tylers ESC-Versuch 2013 mit, als der Versuch, mit einem großen Namen von einst zu punkten, grandios scheiterte. Aber The Rasmus legen großen Enthusiasmus in den von der alttestamentarischen Isebel inspirierten Song – und fallen dank Lauris gelbem Regenmantel und der Gummistiefel seiner Band auch optisch auf.

Ölzeug-Faktor: 8/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 05: Schweiz

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Marius Bear – »Boys Do Cry«

Ausgerechnet beim Eurovision Song Contest müsste man das eigentlich nicht so betonen: »Boys do cry – and how they cry«. Reichlich Schmerzensjungs hatte es hier gegeben, 2019 gewann mit Duncan Laurence aus den Niederlanden sogar einer. Und die Schweiz hat 2021 sehr gute Erfahrungen mit einem gemacht, dem wunderbaren Gjon’s Tears aus der Romandie, immerhin Dritter. Also offenbart diesmal Marius Bear seine Gefühle, der natürlich eigentlich nicht Bear heißt, sondern nur so aussieht. Im bürgerlichen Leben heißt er Marius Hügli, kommt aus Enggenhütten im Kanton Appenzell und hat sieben Kilometer weiter als Baumaschinenmechaniker gearbeitet. Das so einer auf der Riesenbühne des Pala Olimpico steht, in einer bestickten Lederjacke, und sich ein gebrochenes Herz auf die Backe projizieren lässt – das zu ermöglichen, ist ein Wesenskern des Pop im Allgemeinen und in besonders plakativer Form natürlich des ESC. Ja, andere inszenieren sich eleganter, andere schlagen mehr Funken aus ihren Balladen, aber Marius Bear hat gekämpft, er hat es ins Finale geschafft, ihm gebührt Beifall.

Tränendrüsen-Faktor: 8/10

Siegchancen: 2/10

Startnummer 06: Frankreich

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Alvan & Ahez – »Fulenn«

Artikel 2 der Verfassung der fünften französischen Republik besagt: »Die Sprache der Republik ist Französisch«. Der Satz stellt ein Problem dar für die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, die Frankreich zwar unterschrieben, aber nicht ratifiziert hat. Deswegen sind die Diwan-Schulen, in denen in bretonischer Sprache unterrichtet wird, vom französischen Staat nicht anerkannt. In einer solchen Diwan-Schule haben sich die drei Sängerinnen von Ahez kennengelernt, die hier eine auf einem bretonischen Mythos beruhende Geschichte um eine Art Hexentanz mit dem Teufel erzählen. Es ist der zweite ESC-Beitrag in der gefährdeten bretonischen Sprache (nach Dan Ar Braz & L’Heritage des Celtes 1996), und dass er sich im französischen Vorentscheid durchsetzen konnte, liegt sicher auch am treibenden Elektro-Beat des Produzenten Alvan, der zwar aus der Bretagne stammt, aber eigentlich kein bretonischer Muttersprachler ist. Die Kombination aus Folklore und Elektronik brachte der Ukraine 2021 Platz fünf ein – doch Alvan und Ahez scheinen nicht so reibungslos zu harmonieren wie vor einem Jahr Go_A. Immerhin: Das Regionalfernsehen überträgt den ESC zum ersten Mal mit bretonischem Kommentar.

Linguistik-Faktor: 8/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 07: Norwegen

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Subwoolfer – »Give That Wolf a Banana«

Wenn es einen Titel in diesem ESC-Jahrgang gibt, der es darauf anlegt, in den kommenden Jahren in jedem Kuriositäten-Clip über die herrlich verrückte Eurovision aufzutauchen, dann ist es dieser: Zwei Männer verbergen sich hinter Wolfsmasken, sie nennen sich Keith und Jim, und die offizielle Hintergrundgeschichte ist, dass sie vom Mond stammen und ein gewisser Neil sie dort 1969 aufgefordert habe, das größte Lied des Universums in seiner Muttersprache Englisch zu singen. Da haben wir es nun also: Die Aufforderung, dem Wolf eine Banane zu geben, damit er nicht die Großmutter frisst – mit Choreografie und »Yum Yum«-Chören. Es ist ein Lied, das wohl jede und jeden beim Erstkontakt amüsiert – das ist gut für das Publikumsvotum. Es ist aber auch ein Lied, an dem man sich sehr schnell überhört hat – das werden die Musikprofis in den Jurys bemängeln. Zum Sieg samt Maskenabnahme bei Pokalübergabe wird es deshalb wohl nicht kommen. Norwegens Presse spekuliert derweil schon eifrig. Ein guter Gedanke dabei (auch wenn die Stimmen nicht passen): Könnte es der Nachfolgehit des Duos Ylvis sein, die 2013 einen Viral-Hit mit »The Fox (What Does the Fox Say?)«  hatten?

Rotkäppchen-Faktor: 5/10

Siegchancen: 7/10

Startnummer 08: Armenien

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Rosa Linn – »Snap«

Geübte Eurovisions-Beobachter versuchen aus den Startplätzen, die der Veranstalter innerhalb eines gewissen, vom Los vorgegebenen Rahmens selbst bestimmen kann, schon herauszufinden, wem besondere Chancen eingeräumt werden. Doch manchmal hat der Startplatz auch einfach Bühnenaufbau-Gründe. Im ersten Halbfinale sang die 21-Jährige aus Wanadsor, der drittgrößten Stadt Armeniens, an einer sehr prominenten Startposition, nämlich der letzten. Vielleicht, weil sie als Bühnendeko ein ganzes Tiny House aufgestellt hatte, mit einem Bett in der Mitte und unzähligen Post-it-Zetteln als Wandschmuck. Zwar durchbricht Rosa Linn zum Schluss eine Mauer des Hauses, doch der ganze Rest muss ja auch noch weggeräumt werden. Fürs Finale erwarten wir nach Armenien eine Schalte in den Green Room! Aber vielleicht ist der Folksong nach Norah-Jones-Art darüber, dass sich Leid nicht mit einem Fingerschnipsen bewältigen lässt, auch einfach stärker, als man zunächst bemerkt. Mehrere US-Songwriter haben daran mitgewirkt, unter der Regie von Tamar Kaprelian, einer armenisch-amerikanischen Musikerin, die 2015 mit der multinationalen Gruppe Genealogy beim ESC dabei war. Weiteres ESC-Traditions-Accessoire: Rosa Linn spielt eine weiße Gitarre, so wie Nicole vor 40 Jahren in Harrogate.

Inneneinrichtungs-Faktor: 6/10

Siegchancen: 3/10

Startnummer 09: Italien

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Mahmood & Blanco – »Brividi«

2019 war der Mailänder Rapper Mahmood ein willkommener Schuss Gegenwart in der in liebgewonnenen Traditionen vor sich hin köchelnden ESC-Suppe: Sein eleganter und doch tougher Song »Soldi« kam hochverdient auf den zweiten Platz und wurde ein internationaler Hit. Nun kehrt der Sohn eines Ägypters und einer Sardin erstaunlicherweise als Veteran zurück, im Duett mit dem erst 19-jährigen Kollegen Blanco, einem der Top-Newcomer des Jahres 2021 im italienischen Rap und Pop. Die beiden siegten beim Festival von Sanremo, dem Musikwettbewerb, der noch älter und noch überbordender ist als der ESC, und zwar mit »Brividi«, einer Ballade über eine Liebe, in aller Komplexität der Gefühle zwischen Anziehung und Abstoßung, die Schauder auslösen kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der das Duett »die Liebe zwischen zwei Männern mit der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau auf eine Stufe stellt«, wurde in der italienischen Presse  sehr gefeiert. In den Wettbüros wird »Brividi« im Kreis der möglichen Gewinnersongs gesehen, falls es die Ukraine nicht wird. Dafür werden Mahmood und Blanco auf der Bühne Duettmagie ausstrahlen müssen – der Song gibt es her.

Gänsehaut-Faktor: 9/10

Siegchancen: 7/10

Startnummer 10: Spanien

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Chanel – »SloMo«

Ursprünglich war dieser Titel für Jennifer Lopez geschrieben worden, so hat es einer der zahlreichen beteiligten Songschreiber verraten. Doch vielleicht war JLo ein Song zu naheliegend, dessen Refrain dazu aufruft, die Bewegungen der Sängerin noch mal in Zeitlupe anzuschauen, zum Zwecke des »booty hypnotic«. Im spanischen Fernsehen entbrannten prompt Debatten, ob der siegreiche Song nun sexistisch sei oder feministisch selbst ermächtigend gemeint. Jedenfalls setzt die 30-jährige Chanel Terrero ihren Körper sehr überzeugend ein: Die gebürtige Kubanerin, die aber schon mit drei Jahren nach Spanien kam, hat bisher vor allem eine Karriere als Tänzerin gemacht (unter anderem für Shakira), aber auch als Musicaldarstellerin (»Flashdance«, »Mamma Mia«). Nun setzte sie sich mit ihrer Debütsingle als Sängerin in dem aufwendig neu aufgesetzten spanischen Vorauswahlprozess durch, in dessen Zentrum ein Sanremo nachgebildetes Festival in Benidorm stand. Bei YouTube ist das Musikvideo zu »SloMo« eines der meistgesehenen im aktuellen Jahrgang.

Twerk-Faktor: 9/10

Siegchancen: 6/10

Startnummer 11: Niederlande

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S10 – »De diepte«

Stien den Hollander heißt die niederländische Interpretin; ihr Künstlerinnenkürzel spielt auf ihren Vornamen an (S-Tien ausgesprochen), und ihr Nachname ist auch nicht gelogen: Die 21-Jährige stammt aus Hoorn, gelegen in der Provinz Noord-Holland. Sie singt das erste ESC-Lied in niederländischer Sprache, seit Sieneke 2010 mit »Ik ben verliefd (Sha-la-lie) « im Halbfinale scheiterte. Atmosphärisch ist »De diepte« (die Tiefe) das glatte Gegenteil – man muss die Sprache nicht verstehen, um zu kapieren, dass es hier um depressive Stimmungen geht. S10 ist von Beginn ihrer Gesangskarriere an offen mit dem Thema umgegangen, sprach von ihrer Bipolaren Störung, ihre ersten EPs hießen »Antipsychotica« und »Lithium«. Der ruhige Song ist zurückhaltend und doch intensiv inszeniert, das passt alles sehr gut zueinander. Nur für den Fall, dass Europa sich vom Song Contest vor allem Eskapismus erwarten sollte, wäre »De diepte« das falsche Lied.

Mental-Health-Faktor: 8/10

Siegchancen: 6/10

Startnummer 12: Ukraine

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Kalush Orchestra – »Stefania«

Im April startete die Kulturredaktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Ukraine, Suspilne, eine Reihe von Artikeln, die erklärten (hier zum Teil auch auf Englisch ), warum es auch unter gegenwartskulturellen Aspekten bedeutsam ist, dass sich die Ukraine aus der russischen Einflusssphäre lösen sollte. Manchmal übertreiben es diese Essays, übersahen (vielleicht bewusst) manche Differenzierung, aber das sind wahrscheinlich Kriterien aus Friedenszeiten. Hier ist auch Essayistik Teil des Abwehrkampfes gegen einen brutalen Aggressor. Und sogar die Musiker beim Eurovision Song Contest sehen sich in diesem Kontext, Kalush Orchestra haben davon gesprochen, dass sie ihrem Land nützlich sein wollen, zum Schluss ihres Halbfinalauftritts dankten sie für die Unterstützung der Ukraine. Oder hatten die Worte »thanks for supporting Ukraine« Aufforderungscharakter? Nicht nur im Krieg, auch bei der Eurovision müsse die Wahrheit gewinnen, hat ein Suspilne-Autor kürzlich gefordert  und konzediert, die Ukraine habe »modernen Rap mit einem Maschinengewehr-Rezitativ und Beimischungen ukrainischer Folklore«. Sie, andere Favoriten der Wettbüros wie etwa Schweden oder Italien, hätten Schnulzen im modernen Gewand, die unaufrichtig seien. Denn worüber könne ein friedliches Europa weinen, wenn sich die Ukraine Sorgen um Mariupol, Butscha, Irpin, Charkiw, Mykolajiw macht? – Geht das nicht zu weit? Zu ignorieren, dass es auch in Kriegszeiten Liebeskummer und Trauer um persönliche Verluste geben kann? Oder ist das schon wieder zu sehr aus dem Privileg desjenigen gedacht, der nicht angegriffen wurde? Die Fernsehzuschauer, die Jurymitglieder, sie werden solche Fragen für sich entscheiden müssen. Oder vielleicht einfach für einen starken Rapsong mit Folklore-Elementen stimmen.

Solidaritäts-Faktor: 10/10

Siegchancen: 8/10

Startnummer 13: Deutschland

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Malik Harris – »Rockstars«

In einem Zeitungsinterview  hat der ARD-Kommentator des ESC, Peter Urban, dieser Tage eingeräumt, dass sein Ruf gelitten habe, »weil ich immer treu und brav zum deutschen Beitrag stehe«. Das sei aber nun mal seine Aufgabe als deutscher Kommentator, findet er. Immerhin: Wenn Urban wieder einmal sagen sollte, der deutsche Kandidat Malik Harris habe in den Tagen von Turin persönlich eine gute Figur gemacht, ist ihm nicht zu widersprechen. Freundlich und kompetent trat der Sohn des Neunzigerjahre-Nachmittagstalkers Ricky Harris stets auf, doch es blieb selten so richtig was hängen. So geht es auch mit seinem Song »Rockstars«, einer von vielen introspektiven Titeln des Jahrgangs, der sich letztlich nicht mal durch seinen Rap-Part abzuheben vermag, denn so was gelingt Kalush aus der Ukraine dringlicher. Steht also zu befürchten, dass am Ende des Abends Peter Urban einmal mehr Trostspenden als seine Kommentatorenaufgabe ansehen wird.

Eminem-Faktor: 5/10

Siegchancen: 3/10

Startnummer 14: Litauen

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Monika Liu – »Sentimentai«

Klassische Eleganz, die eher an die Anfangszeiten des Grand Prix Eurovision erinnert, strahlt der Auftritt von Monika Liubinaitė aus. Die 34-Jährige, die im Fischereihafenviertel von Klaipėda aufgewachsen ist, erinnert sich, wie sie einst in den Dünen von Nida einer Möwe gewunken hat – und das auf Litauisch, es ist erst das zweite Mal, dass ein Beitrag komplett in der baltischen Sprache gehalten ist. Mit ihrem rückenfreien, glitzernden Kleid und ihrer Mireille-Mathieu-Bubikopffrisur könnte man sich Liubinaitė auch in einem französischen Nachtklub vorstellen, die Jazzballade mit leichten elektronischen Anklängen würde dorthin auch musikalisch passen. Die Inszenierung konzentriert sich voll und ganz auf die Sängerin, was einleuchtend ist, aber den Auftritt im Spektakel des Finalabends womöglich doch etwas untergehen lassen wird.

Cabaret-Faktor: 7/10

Siegchancen: 1/10

Startnummer 15: Aserbaidschan

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Nadir Rustamli – »Fade To Black«

Wenigstens Aserbaidschan bleibt der Strategie treu, sich den ESC-Beitrag von erfahrenen und vermutlich gut bezahlten Fachkräften mit skandinavischer Staatsangehörigkeit schreiben zu lassen. Im Team für »Fade To Black« findet sich mit Thomas Stengaard auch einer der Autoren von Michael Schultes »You Let Me Walk Alone« – und auch beim aserbaidschanischen Beitrag handelt es sich um eine sehnsuchtsvolle Ballade, in deren Steigerung der Sänger viel Raum bekommt, um sich stimmlich auszuzeichnen. Es geht irgendwie um das Ende einer Liebe, aber so ganz klar wird das nicht, weder in Zeilen wie »you always go and blame the weather« noch durch die ausdruckstänzerische Umsetzung, die auf zwei an Probebühnen der freien Szene erinnernden Treppen stattfindet. Aber was soll man sagen? Für die 13. Finalteilnahme beim 14. Versuch hat es gereicht.

Theaterworkshop-Faktor: 5/10

Siegchancen: 3/10

Startnummer 16: Belgien

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Jérémie Makiese – »Miss You«

Zu den Ritualen, die gelegentlich aus Fußballspielerkabinen kolportiert werden, steht das des musikalischen Einstands, den Neuzugänge geben müssen. Was für Peinlichkeiten, was für ästhetische Abgründe! Und dennoch wollen wir nicht annehmen, dass Royal Excelsior Virton den Spieler Jérémie Makiese nur für seine Nachwuchsmannschaft verpflichtet hat, um endlich mal einen ordentlichen Einstand zu hören. Schließlich war Makiese bei Vertragsabschluss im September 2021 frisch gekürter Sieger von »The Voice Belgique«. Aber der damals 20-Jährige hat in Probetrainings auch seine Fähigkeiten als Torwart nachgewiesen, wie die Zeitung »L’Avenir« in einem Interview  erfuhr. Für den Eurovision Song Contest tritt er mit einem von Soul und Gospel beeinflussten Song an, der zwar nicht nachhaltig im Kopf hängen bleibt, aber zweifelsohne kompetent gesungen ist. Mit seiner Doppelbegabung ist Jérémie Makiese natürlich goldrichtig bei einer Veranstaltung wie dem ESC, die Musik mit sportlichem Wettkampfgeist verbindet. Und dass Niederlagen auch dazugehören, das weiß er daher auch.

Glanzparaden-Faktor: 3/10

Siegchancen: 4/10

Startnummer 17: Griechenland

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Amanda Georgiadis Tenfjord – »Die Together«

Die Sängerin, die für Griechenland antritt, kam zwar vor 25 Jahren im nordwestgriechischen Ioannina zur Welt, zog aber mit drei ins Land ihrer Mutter, nach Norwegen. Dort war sie auf der Oberschule in Ålesund Klassenkameradin von Sigrid. Doch während die sich auf die Musik konzentrierte und mit »Don’t Kill My Vibe« oder »Strangers« internationale Pop-Hits hatte, zog Amanda erst mal die Sicherheit des Medizinstudiums vor. Seit 2019 spielt aber auch bei ihr Musik die wichtigste Rolle, und das griechische Fernsehen entschied sich im internen Nominierungsprozess nach 2021 mit der niederländisch-griechischen Sängerin Stefania erneut für eine Kandidatin aus der Diaspora. Ihren dramatischen Popsong, dessen Text man mit ein bisschen bösem Willen als Erwägung eines Suizidpaktes interpretieren könnte, hat Tenfjord selbst geschrieben, unterstützt von ihrem norwegischen Produzenten. Etwas rätselhaft, aber effektvoll inszeniert (Was hat es mit den Stühlen auf sich?) bringt sie ihn stimmlich stark auf die Bühne.

Triggerwarnungs-Faktor: 6/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 18: Island

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Systur – »Með Hækkandi Sól«

Anders als das deutsche Duo S!sters, das für den ESC 2019 extra zusammengecastet wurde, sind die drei Frauen von Systur tatsächlich Schwestern, und zur Unterstützung haben sie auch noch den Bruder am Schlagzeug dabei. Was aber wirklich ein Ding ist: Sie sind die Kinder von Eyþór Gunn­ars­son, der wiederum der Keyboarder von Mezzoforte ist. Mezzoforte, das war die Jazzrock-Kapelle, deren Instrumental »Garden Party«  1983 zum Überraschungshit wurde (und das so mancher Hitparaden-Moderator seinerzeit zum Drüberwegmoderieren nutzte). Die drei Töchter haben ein etwas verwirrendes Lächeln gemein und wirken wie die isländische Version von Haim – erheblich naturverbundener allerdings als die Kalifornierinnen. Ihr Titel heißt übersetzt »Mit der aufgehenden Sonne«, hat ungefähr denselben Inhalt wie das Kinderbuch »Frederik« von Leo Lionni und kommt sehr dezent daher. Auch das ein Unterschied zu den deutschen S!sters.

Familien-Faktor: 8/10

Siegchancen: 2/10

Startnummer 19: Moldau

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Zdob şi Zdub & Advahov Brothers – Trenulețul

Da offenbar das Sunstroke Project dieses Jahr keine Zeit hatte, wird die Republik Moldau zum dritten Mal durch die Gruppe Zdob și Zdub vertreten. Und sie schafft es auch zum dritten Mal ins Finale. Nach der trommelnden Oma von 2005  und der Einradfahrerin 2011  haben sie diesmal zwei Folkloremusiker mitgebracht, die Advahov-Brüder, Leiter eines national bekannten Volksmusikorchesters. »Hey ho, let’s go, Folklore and Rock ’n’ Roll«, zitieren die einstigen Hardcore-Punks von Zdob și Zdub auf irritierende Weise die Ramones herbei. Der Song handelt von einer Zugfahrt von der moldauischen Hauptstadt Chișinău in die rumänische Hauptstadt Bukarest und hat, wie so vieles in diesen Tagen, seine Unschuld ziemlich verloren. Schließlich muss eine Zugfahrt nach Westen ins historisch wie sprachlich eng verbundene EU-Land symbolisch wirken – jedenfalls führt die Fahrt nicht durchs Russland-freundliche Transnistrien. Aber der Songtext ironisiert die Verhältnisse durchaus und fragt: »Fahren wir wirklich von einem Land ins andere? Es wirkt wie eins, und doch wie zwei, gemeinsam und vereint.« Zu empfehlen ist auch das Musikvideo zu »Trenulețul«  – Scheunenparty im Überlandzug, sehr schön.

Westbindungs-Faktor: 4/10

Siegchancen: 6/10

Startnummer 20: Schweden

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Cornelia Jakobs – »Hold Me Closer«

In Schweden wurde der Sieg von Cornelia Jakobs beim Melodifestivalen, der mehrwöchigen ESC-Vorentscheidshow, als Rache interpretiert. Denn auf Platz zwei kam Anders Bagge, der 2008 in der Jury der schwedischen »DSDS«-Version »Idol« saß, die seinerzeit die 16-jährige Cornelia Jakobs ziemlich heruntermachte. Bagge entschuldigte sich bei ihr, die wirklich harschen Worte hatte aber der Produzent Andreas Carlsson gesprochen, in der Rolle des schwedischen Dieter Bohlen sozusagen. Auch Carlsson äußerte sich , gratulierte Jakobs zum Melodifestivalen-Sieg und sagte, er sei froh, dass sich der Ton in solchen Fernsehshows seither geändert habe. Gerade wurde ein von Carlsson mitkomponierter Titel der erste Gewinner des American Song Contest. Die von ihm einst so kritisierte Cornelia Jakobs zählt mit dem spannungsvoll aufgebauten Titel »Hold Me Closer« zum engeren Favoritenkreis beim Eurovision Song Contest: Erst scheint es eine weitere sanfte Ballade zu sein, dann kommt ein Elektro-Groove hinzu, und am Schluss hat Jakobs plötzlich ein raues Timbre in der Stimme, wie es Ältere von Bonnie Tyler oder Gianna Nannini kennen dürften. Stark auch, wie sie ihr Haar ganz ohne Windmaschine in drei Minuten verstrubbelt.

Reibeisen-Faktor: 6/10

Siegchancen: 6/10

Startnummer 21: Australien

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Sheldon Riley – »Not The Same«

»Eine dramatische Ballade aus dem Frühwerk von Lady Gaga, wie sie in der TV-Serie ›Glee‹ inszeniert wäre«: So bringt ein britischer Blogger  den musikalischen Reiz des australischen Beitrags korrekt auf den Punkt. Doch wer wird auf die Musik achten, wenn die Aufmerksamkeit von der Maske! der Treppe!! der Schleppe!!! eingenommen sein wird. In Auftritten bei den australischen Fassungen von »X-Factor« und »The Voice« sowie bei »America’s Got Talent« konnte Sheldon Riley seine Performancekünste perfektionieren und seine Botschaft schärfen: Bei dem Sohn eines philippinischen Vaters und einer schottisch-irischen Australierin wurde mit sechs Jahren das Asperger-Syndrom diagnostiziert, er litt unter dem Mobbing seiner Mitschüler und fand auf der Bühne zu dem Selbstbewusstsein, das ihn zu seinem Anderssein stehen ließ. Eine Botschaft, die bei diesem Anlass in ähnlicher Form schon mehrfach überbracht wurde, die aber in angemessen dramatischer Darstellung ihre Wirkung selten verfehlt.

Außenseiter-Faktor: 7/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 22: Großbritannien

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Sam Ryder – »Space Man«

Was hätte dem Vereinigten Königreich, im ESC zuletzt vergleichbar leidgeprüft wie Deutschland, besseres passieren können, als auf Sam Ryder zu stoßen? Da ist dieser Mann mit blondem, langem Haar, blauen Augen und braunem Bart, der jahrelang in den Niederungen des Musikgeschäfts herumgewerkelt hat, ein veganes Restaurant auf Hawaii eröffnet und wieder geschlossen hat und in all dieser Zeit weder zynisch noch wunderlich geworden zu sein scheint. Der im Lockdown einen TikTok-Account  eröffnet hat und Lieder von Rihanna und George Michael und, am beliebtesten, Queen nachsingt, plötzlich Millionen Hörer, Follower, Likes findet. Und mit einem ungekünstelten Enthusiasmus an die ESC-Sache herangeht, dass es eine Freude ist. Aber dabei bleibt es nicht: Die BBC hat die Chance erkannt, keine Amateurhaftigkeit diesmal, die Co-Songwriterin hat mit Ed Sheeran gearbeitet, der Produzent mit Dua Lipa. Und der Song klingt wie eine Hommage an die Blütephase des britischen Pop, in der Elton John oder David Bowie nur den Weltraum als Grenze kannten, und in ihren Liedern nicht mal den. Congratulations, UK!

Major-Tom-Faktor: 9/10

Siegchancen: 8/10

Startnummer 23: Polen

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Ochman – River

Krystian Ochman fällt auf im Teilnehmerfeld des Eurovision Song Contest 2022 – durch seinen klassischen Kleidungsstil, sein zurückhaltendes Auftreten und seine große Stimme. Letzteres brachte ihm den Sieg bei der polnischen Version von »The Voice« ein, wo er im Finale im Duett mit Michał Szpak sang, dem letzten Interpreten, der für Polen ein Top-Ten-Ergebnis beim ESC errang (2016). Das Gesangstalent liegt bei den Ochmans in der Familie: Großvater Wiesław Ochman hat als Tenor an der Berliner Staatsoper, in Wien und Hamburg und an der Met gesungen. Krystian Ochman kam in den USA zur Welt, ging aber nach dem Highschool-Abschluss nach Polen. Seine dramatische Ballade »River« ist mit allem, was der Bühnentrickkasten hergibt, inszeniert: Tropfen scheinen den Bildschirm herabzulaufen, der Wasserfall in der Turiner Halle kommt voll zur Geltung, und Wassergeister hüpfen auf der Bühne herum. Alles, damit sich Ochman ganz auf seine Stimme konzentrieren kann.

Opern-Faktor: 5/10

Siegchancen: 6/10

Startnummer 24: Serbien

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Konstrakta – In Corpore Sano

Es ist der Irritationseffekt, der den Eurovision Song Contest so unvergleichlich macht, das staunende »Was ist DAS denn?« vor dem Bildschirm. Oft genug ist das mehr oder minder kalkulierter Quatsch, aber immer mal ahnt man: Da steckt mehr dahinter. Ästhetisch erinnert die Irritation, die der serbische Beitrag auslöst, ein wenig an Sébastien Telliers Auftritt für Frankreich 2008 , doch es gibt offenkundig eine politische Dimension: Wie die diplomierte Architektin Ana Đurić, die sich Konstrakta nennt, dasitzt, sich die Hände wäscht, sie rituell trocknen lässt und davon sprechsingt, wie Künstler Gott um Gesundheit bitten müssen, weil sie keine Krankenversicherung bekommen. »In Corpore Sano« ist der Mittelteil eines Songzyklus namens »Triptych« (hier das Video ), der ziemlich umfassend Gegenwartskritik übt, mit Bezügen auf Philosophie und Popkultur – so wie im ESC-Song auf Meghan Markle. Nicht alle Rätsel lösen sich auf, aber am Ende hat sich Konstrakta im Halbfinale qualifiziert und darf nun im Finale das große Publikum irritieren – und das klatscht vielleicht einfach mit.

Hygiene-Faktor: 9/10

Siegchancen: 5/10

Startnummer 25: Estland

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Stefan – Hope

Seltsames Europa: Stefan Airapetjan ist als Sohn einer armenischstämmigen Familie in Estland zur Welt gekommen. Er hat von Kind auf immer wieder an Wettbewerben teilgenommen, mal für Denkspiele, oft für Musik. »Hope« war bereits sein vierter Versuch, sich für den ESC zu qualifizieren – und passenderweise hat es geklappt mit einem Song, der von den Soundtracks eines Ennio Morricone zu Spaghettiwestern beeinflusst ist; also der italienischen Version des uramerikanischen Westerngenres. Bevor jemand »kulturelle Aneignung« schreien möchte: Der Einfluss ist zwar nicht gerade subtil, aber es ist eben nur ein Einfluss. Vor allem läuft Stefan mit der Gitarre auf dem Rücken über die große Bühne und singt sein Hoffnungslied. Sehr viel Bewegung in einem Jahrgang der verharrenden Schmerzensmänner – vielleicht brachte ihn das ins Finale.

Spaghetti-Western-Faktor: 8/10

Siegchancen: 3/10

Eurovision Song Contest, Samstag, 14. Mai, Das Erste. Ab 20.15 Uhr »Countdown für Turin«, ab 21 Uhr das Finale. Liveticker auf SPIEGEL.de