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Jessica Schäfer / Dein SPIEGEL

EZB-Direktorin im Kinder-Interview »Unser Ziel ist es, die Preise stabil zu halten«

Isabel Schnabel ist Direktorin der Europäischen Zentralbank. Den Kinderreporterinnen erklärte sie, was Inflation bedeutet und warum jetzt ein guter Zeitpunkt ist, mehr Taschengeld zu fordern.
Redaktionelle Begleitung: Marco Wedig

Dein SPIEGEL: Viele Leute reden gerade von der Inflation. Was ist das?

Schnabel: Inflation ist ein allgemeiner Preisanstieg, also nicht nur bei einzelnen Gütern, sondern bei vielen. Euch ist vielleicht aufgefallen, dass manches in letzter Zeit teurer geworden ist.

Dein SPIEGEL: Ja, Benzin, Sonnenblumenöl, eine Kugel Eis ...

Schnabel: Genau. Man merkt das im Alltag an vielen Stellen. Das hat unter anderem mit Corona zu tun. Am Anfang der Pandemie stand die Wirtschaft still. Die Leute gingen nicht mehr zum Friseur, ins Kino oder auf Reisen. Viele wollten stattdessen andere Dinge kaufen. Tablets oder Computer waren zum Beispiel besonders gefragt – etwa fürs Homeschooling. Aber die Unternehmen konnten so schnell nicht genug Güter produzieren, oder sie konnten sie wegen Corona nicht liefern. Die Nachfrage war größer als das Angebot. Daher setzten viele Unternehmen die Preise nach oben.

In der chinesischen Stadt Shanghai gab es in den letzten Monaten einen sehr harten Lockdown. Am Hafen stauten sich deshalb Container. Darin lagern Waren, die weltweit benötigt werden. Der Stau dürfte die Preise ebenfalls steigen lassen.

In der chinesischen Stadt Shanghai gab es in den letzten Monaten einen sehr harten Lockdown. Am Hafen stauten sich deshalb Container. Darin lagern Waren, die weltweit benötigt werden. Der Stau dürfte die Preise ebenfalls steigen lassen.

Foto: Ding Ting / Xinhua / picture alliance / dpa

Dein SPIEGEL: Hat der Krieg in der Ukraine auch damit zu tun?

Schnabel: Ja, die Europäische Union hat angekündigt, dass sie unabhängiger von russischer Energie werden will. Bisher haben wir von dort sehr viel billiges Öl und Gas gekauft. Jetzt möchte man auf andere Energiequellen ausweichen. Diese sind häufig teurer. In der Ukraine wurde außerdem viel Weizen angebaut. Weil die Bauern derzeit weder aussäen noch ihre Ernte verschiffen können, steigen die Preise. Das ist nicht nur ein Problem für uns in Europa, sondern auch für viele ärmere Länder.

Dein SPIEGEL: Wann ist Corona vorbei, Herr Drosten?
Foto: Dein SPIEGEL

Der Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin hat schon viele Interviews gegeben, aber das, was Bero und Jakob, beide neun Jahre alt, von ihm wissen wollten, wurde er wahrscheinlich so noch nicht gefragt. Die Kinderreporter wollten unter anderem erfahren, ob er das Coronavirus schön findet, wie Wissenschaftler streiten und was er tun würde, wenn er im Kampf gegen die Pandemie eine Sache allein entscheiden könnte. Das ganze Interview ist in der neuen Ausgabe des Kinder-Nachrichten-Magazins »Dein SPIEGEL« zu lesen, hier kann man das Heft online bestellen:

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Dein SPIEGEL: Warum ist eine zu hohe Inflation gefährlich?

Schnabel: Viele Menschen, gerade die mit niedrigeren Einkommen, müssen genau schauen, wie sie mit ihrem Gehalt auskommen. Wenn die Heiz- oder Tankrechnung stark steigt, das Gehalt sich aber kaum ändert, wissen sie nicht, wie sie das bezahlen sollen. Sie können sich dann insgesamt weniger leisten. Besonders problematisch ist, wenn die Preise immer schneller steigen. Vor etwa hundert Jahren passierte das in Deutschland. Die Preise sind quasi jede Sekunde weiter gestiegen. Irgendwann waren sie so hoch, dass man ein Brot mit einem Wäschekorb voller Geldscheine bezahlen musste. Das darf nicht noch einmal passieren. Deshalb ist es so wichtig, dass es die Europäische Zentralbank gibt.

Wer das Geld von der Bank in Wäschekörben abholt, sollte eigentlich sehr reich sein. Das trifft aber nicht zu, wenn das Geld kaum etwas wert ist. So war es vor etwa hundert Jahren in Deutschland.

Wer das Geld von der Bank in Wäschekörben abholt, sollte eigentlich sehr reich sein. Das trifft aber nicht zu, wenn das Geld kaum etwas wert ist. So war es vor etwa hundert Jahren in Deutschland.

Foto: ullstein bild / picture alliance / dpa

Dein SPIEGEL: Was ist denn die Hauptaufgabe der EZB?

Schnabel: Unser Ziel ist es, die Preise im Euroraum stabil zu halten – also überall dort, wo der Euro die Währung ist. Wir können zwar nicht jeden Preisanstieg verhindern. Aber die Preise sollen nicht dauerhaft zu stark steigen. So bewahren wir das Vertrauen in den Wert des Geldes. Früher haben die Menschen in Goldmünzen bezahlt. Gold ist wertvoll. Das Papier, aus dem ein Euroschein besteht, ist dagegen fast wertlos. Trotzdem hat der Geldschein einen Wert. Wenn wir etwas einkaufen, nimmt der Verkäufer den Euroschein an, weil er weiß, dass auch andere den Wert anerkennen – dieses Vertrauen ist die Grundlage unseres Geldsystems.

Dein SPIEGEL: Was kann die EZB gegen die Inflation machen?

Schnabel: Wir können die Zinsen verändern. Der Zins ist der Preis, den man bezahlt, wenn man sich von einer Bank Geld leiht. Viele Menschen nehmen einen Kredit auf, wenn sie ein Haus kaufen, und Firmen leihen sich Geld, um neue Maschinen zu kaufen. Steigt der Zins, wird es teurer, sich Geld zu leihen. Dann sinkt die Nachfrage nach Häusern und Maschinen – und damit sinken die Preise. So können wir die Inflation steuern. Alle sechs Wochen diskutieren wir darüber, ob wir die Zinsen verändern sollten.

Dein SPIEGEL: Warum wurden sie bisher nicht erhöht?

Schnabel: Wir sind davon ausgegangen, dass die Unternehmen bald wieder mehr Güter produzieren würden und diese auch schneller verschicken könnten. Damit würde ein großer Teil der Inflation von allein zurückgehen. Aber tatsächlich dauert die ungewöhnlich hohe Inflation nun schon viel länger an als erwartet. Deswegen werden wir demnächst die Zinsen erhöhen.

Haus des Geldes
Foto: Jessica Schäfer / Dein SPIEGEL

Die Europäische Zentralbank (EZB), die in Frankfurt am Main sitzt, ist keine normale Bank. Man geht dort nicht einfach rein, um Geld abzuheben. Für das Interview mussten die Kinderreporterinnen mehrere Sicherheitsschleusen passieren. Kein Wunder: Hier werden schließlich sehr wichtige Entscheidungen getroffen. Die wichtigste Aufgabe der EZB ist es, dafür zu sorgen, dass die Preise im Euroraum stabil bleiben. Damit sind die 19 Staaten der Europäischen Union gemeint, in denen in Euro bezahlt wird. Außerdem beaufsichtigt die EZB die größten Banken im Euroraum. In der Vergangenheit mussten manche Banken während einer Finanzkrise mit viel Steuergeld gerettet werden. So was will die Bankenaufsicht der EZB verhindern. Die Präsidentin der EZB ist Christine Lagarde. Sie entscheidet aber nicht alles alleine. Für die Geldpolitik ist das sechsköpfige Direktorium zuständig. Zu ihm gehört auch Isabel Schnabel.

Dein SPIEGEL: Was haben die Zinsen mit unseren Ersparnissen zu tun?

Schnabel: Zinsen werden nicht nur gezahlt, wenn euch die Bank Geld leiht. Umgekehrt zahlt auch die Bank euch Zinsen, wenn ihr euer Geld verleiht, indem ihr es auf ein Bankkonto einzahlt. In den letzten Jahren haben Sparer aber oft nichts für das angelegte Geld bekommen. Das lag nicht nur an der EZB, sondern auch daran, dass die Menschen weltweit so viel sparen wollten, zum Beispiel für ihre Rente – und das selbst bei sehr niedrigen Zinsen. Deshalb waren die Zinsen überall ziemlich niedrig.

Dein SPIEGEL: Über wie viel Geld verfügt die EZB eigentlich?

Schnabel: Wir haben immer so viel Geld, wie wir benötigen. Denn eine Zentralbank kann das Geld selbst schaffen. Das Vertrauen in unser Geld hängt davon ab, wie wir mit dieser Verantwortung umgehen.

Dein SPIEGEL: Haben Sie hier einen Gelddrucker im Keller, oder wie?

Schnabel: Der größte Teil des Geldes, den wir in Umlauf bringen, wird elektronisch geschaffen – zum Beispiel indem wir einer Bank Geld leihen und ihr dieses Geld auf ihrem Konto gutschreiben.

Dein SPIEGEL: Könnte die EZB so viel Geld herstellen, dass man damit alle Probleme in Europa lösen könnte?

Schnabel: Das geht nicht. Denn erstens sind die Regierungen dafür zuständig, die Probleme in ihren Ländern zu lösen. Wir dürfen das nicht und sind unabhängig von der Politik. Und zweitens steigen die Preise, wenn wir immer mehr Geld in Umlauf bringen. Und das widerspräche unserem Auftrag, die Preise stabil zu halten.

Isabel Schnabel, 50, empfing die Kinderreporterinnen im Foyer der EZB. Zum Gespräch ging es in ihr Büro, von wo man über weite Teile Frankfurts blicken kann.

Isabel Schnabel, 50, empfing die Kinderreporterinnen im Foyer der EZB. Zum Gespräch ging es in ihr Büro, von wo man über weite Teile Frankfurts blicken kann.

Foto: Jessica Schäfer / Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Sollten Kinder wegen der steigenden Preise mehr Taschengeld fordern?

Schnabel: Jetzt könnte ein guter Zeitpunkt sein, um mit euren Eltern darüber zu verhandeln. Ihr könntet das Taschengeld in Kinobesuche oder Eiskugeln umrechnen und damit zeigen, dass ihr euch jetzt weniger leisten könnt. Allerdings haben auch eure Eltern wegen der hohen Inflation weniger zur Verfügung.

Dein SPIEGEL: Haben Ihre Kinder auch schon mehr Geld gefordert?

Schnabel: Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Aber vielleicht bringt dieses Interview sie ja auf die Idee.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 07/2022.

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