Biodiesel und Nahrungsmittelkrise 19 Millionen Flaschen Raps- und Sonnenblumenöl landen in Autotanks – täglich

Nahrungsmittel werden immer teurer und in manchen Erdteilen wächst der Hunger. Dennoch verbrennt die EU Zehntausende Tonnen Lebensmittel als Biosprit, kritisiert ein Bericht.
Rapsfeld im brandenburgischen Nauen

Rapsfeld im brandenburgischen Nauen

Foto: Jochen Eckel / IMAGO

Trotz der steigenden Lebensmittelpreise landen in der EU immer noch große Mengen von Raps- und Sonnenblumenöl als Biodiesel im Tank von Autos. Täglich würden so 17.000 Tonnen Raps- und Sonnenblumenöl verbrannt, das seien umgerechnet rund 19 Millionen Flaschen der Speiseöle, errechnete die Organisation »Transport & Environment« (T&E) in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht.

Weltweit würden insgesamt sogar 18 Prozent der Pflanzenöle zu Biosprit verarbeitet, die auch für den Verzehr geeignet sind. In Europa ist der Verbrauch besonders hoch: In den vergangenen fünf Jahren seien laut dem Bericht 58 Prozent des gesamten Rapsöls und neun Prozent des gesamten Sonnenblumenöls im Tank von Autos und Lastwagen gelandet. Auch große Mengen von Soja- und Palmöl, die in anderen Regionen wichtige Grundnahrungsmittel sind, werden zu Biodiesel verarbeitet, darunter 50 Prozent des importierten Palmöls und 32 Prozent des Sojaöls.

Tank oder Teller?

Tank oder Teller?

Foto: Wolfgang Maria Weber / IMAGO

Aktuell werden bei Diesel meist sieben Prozent Pflanzenölerzeugnisse zugesetzt. Benzin wird in der Regel mit fünf bis zehn Prozent Bioethanol versetzt, das normalerweise aus Getreide und Rüben gewonnen wird. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die CO₂-Bilanz zu senken. In einer vorherigen Studie hatte T&E errechnet, dass in Europa über diesen Weg täglich auch 10.000 Tonnen Weizen in Autos verbrannt werden.

Hungerkrise: Über elf Millionen unterernährte Menschen zusätzlich

Bereits vor Monaten warnte die Uno-Welternährungsorganisation FAO, dass die internationalen Preise für Lebensmittel durch den Ausfall Russlands und der Ukraine als Lieferanten von Getreide und Düngemitteln um acht bis 22 Prozent über das gegenwärtige, »ohnehin hohe Niveau« hinaus steigen könnten.

Betroffen seien vor allem die »am wenigsten entwickelten« Länder in Afrika, dem Nahen Osten und Asien, die schon vor dem Konflikt unter den hohen Weltpreisen für Lebensmittel und Düngemittel gelitten hätten. Weltweit würde die Anzahl der unterernährten Menschen um 7,6 Millionen ansteigen, wenn die Folgen des Ukrainekriegs »moderat« blieben. Sollte der Konflikt sich in die Länge ziehen, könnten laut FAO bis zu 11,2 Millionen Menschen zusätzlich an Unterernährung leiden.

Koalitionskrach: FDP hält an Biosprit fest

In der Bundesregierung wird derzeit darüber beraten, die Nutzung von Agrarprodukten als Kraftstoffzusatz einzuschränken. Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) arbeitet gemeinsam mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium daran, den Einsatz sogenannter Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen zu reduzieren. Eine Idee ist, die Treibhausgasminderungsquote (THG) neu auszulegen.

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Über diese Quote müssen Mineralölkonzerne in Deutschland die CO₂-Emissionen ihrer Kraftstoffe kompensieren. Bislang waren Biokraftstoffe ein bei Mineralölkonzernen beliebter Weg, die Vorgaben zu erfüllen. Biodiesel oder Bioethanol – als Beimischung im E10-Benzin – waren für Mineralölkonzerne bisher attraktiv. Bis zu 4,4 Prozent dieser THG-Quote konnten Kraftstoffanbieter mit Biosprit erfüllen. Bis 2030 soll Schluss damit sein, die Förderung soll schrittweise auf null abgesenkt werden.

Darüber, wie nachhaltig die Beimischung von Biokraftstoffen tatsächlich ist, wird seit Längerem debattiert. »Es ist nicht nachhaltig, Weizen und Mais in den Tank zu schütten«, hatte etwa Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) Ende März gesagt. Mit den Erzeugnissen auf den Flächen, die weltweit für diese Praxis bepflanzt würden, könne man hungernde Menschen ernähren. Ähnlich äußerte sich Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD).

Widerstand gibt es allerdings noch von der FDP . Verkehrsminister Volker Wissing steht ohnehin unter Druck, weil Autos und Lastwagen die Klimaziele bislang verfehlen. Sein Haus setzt deshalb große Hoffnungen ausgerechnet auf die Biokraftstoffe. Sie seien eine einfache Maßnahme zur CO₂-Reduktion, heißt es. Dieser Ansicht ist auch die Union, die Lemkes Vorhaben ebenfalls kritisiert.

sug