Was in der Nacht geschah Russischer Kampfjet abgestürzt, USA entsetzt über mögliche Hinrichtungen

Beim Absturz eines Kampfflugzeugs stirbt der Pilot. Moskau beklagt angebliche »Seeblockade«. Und: Zwei US-Bürgern in russischer Gefangenschaft droht die Todesstrafe. Der Überblick.
Straße in der umkämpften Doppelstadt Sjewjerodonetsk-Lysychansk

Straße in der umkämpften Doppelstadt Sjewjerodonetsk-Lysychansk

Foto: Madeleine Kelly / ZUMA Wire / IMAGO

Was in den vergangenen Stunden geschah

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet die militärische Lage in der Region Luhansk als sehr schwierig. »Die Besatzer üben starken Druck aus«, sagt er in einer Videoansprache unter Anspielung auf die russische Armee.

In der Region Charkiw sind nach Darstellung des ukrainischen Gouverneurs zuletzt mindestens 15 Zivilisten durch russischen Beschuss ums Leben gekommen. Eine russische Stellungnahme liegt nicht vor.

Ein russisches Kampfflugzeug ist in der Nähe der Grenze zur Ukraine abgestürzt, dabei kam der Pilot russischen Militärangaben zufolge ums Leben. Die Maschine des Typs Suchoi Su-25 sei am Dienstag bei einem Übungsflug in der Region Rostow abgestürzt. Ursache könnte ersten Informationen zufolge eine »technische Störung« gewesen sein, zitierten die russischen Nachrichtenagenturen eine Presseerklärung des Militärbezirks Süd.

Das sagt Kiew

Präsident Selenskyj fordert wegen des Kriegs gegen sein Land weitere Sanktionen der EU gegen Russland. Ein siebtes Sanktionspaket werde so schnell wie möglich benötigt, sagte er in der Nacht zu Mittwoch. Das habe er in Gesprächen mit verschiedenen europäischen Staats- und Regierungschefs am Dienstag betont. »Russland muss den wachsenden Druck infolge des Kriegs und seiner aggressiven antieuropäischen Politik spüren.«

Wolodymyr Selenskyj (am 20. Juni)

Wolodymyr Selenskyj (am 20. Juni)

Foto: Claudio Furlan / dpa

Selenskyj betonte erneut die Dringlichkeit weiterer Waffenlieferungen. »Das Leben von Tausenden von Menschen hängt direkt von der Geschwindigkeit unserer Partner ab«, sagte er. An der Front im Osten des Landes habe die ukrainische Armee die Verteidigung der schwer umkämpften Region Luhansk stärken können. In der Region Charkiw gebe es weiter heftigen Beschuss durch russische Truppen. Das durch russische Truppen besetzte Gebiet um die Stadt Cherson werde allmählich zurückerobert, sagte Selenskyj.

Der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten, Alexander Rodnyansky, geht fest von einem Sieg seines Landes gegen den russischen Aggressor aus. »Wir können den Krieg gewinnen«, sagte er am Dienstagabend in der ARD-Sendung »Maischberger«. Er hoffe, dass Ende August oder im August die Gegenoffensive beginnen könne. Die Hilfen aus dem Ausland würden sehr helfen, kämen auch an, aber bis die Waffen eingesetzt werden könnten, dauere es eben.

Einen nachhaltigen Frieden könne man mit Russland sowieso nicht schließen, sagte der Berater: »Dieser Illusion darf man sich nicht hingeben.« (Mehr dazu erfahren Sie hier.)

Das sagt Moskau

In sechs Häfen der Ukraine sind nach russischen Angaben derzeit 70 Schiffe aus 16 Staaten blockiert. Das russische Verteidigungsministerium warf der Ukraine vor, wegen ukrainischen Beschusses und der hohen Minengefahr könnten Schiffe nicht ungehindert aufs Meer fahren. Die Ukraine kritisiert hingegen, dass Russland durch eine Blockade ukrainischer Häfen die Ausfuhr von Getreide verhindere und damit eine Lebensmittelkrise hervorrufe.

DER SPIEGEL

Die internationale Gemeinschaft fordert von Russland seit Wochen, den Export von ukrainischem Getreide zu ermöglichen. Die Ukraine beklagt, dass durch die russische Kriegsmarine ihre Häfen im Schwarzen Meer blockiert sind. Beide Länder gehören zu den größten Weizenexporteuren und spielen eine wichtige Rolle für die Ernährungssicherheit in der Welt.

Um Fragen zu den Getreideexporten aus der Ukraine zu klären, soll in der kommenden Woche eine türkische Delegation nach Moskau reisen, wie Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Tass sagte.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Humanitäre Lage

Das Weiße Haus hat Andeutungen des Kremlsprechers Dmitri Peskow über eine mögliche Todesstrafe für zwei in der Ukraine gefangengenommene US-Kämpfer scharf kritisiert. Dass ein offizieller Vertreter Russlands dies überhaupt erwähne, sei »entsetzlich«, sagte der außenpolitische Sprecher des Weißen Hauses, John Kirby, am Dienstag in Washington.

Kremlsprecher Peskow hatte die beiden früheren US-Soldaten Alexander Drueke und Andy Huynh in einem Interview mit dem US-Fernsehsender NBC als Söldner bezeichnet, die nicht durch die Genfer Konventionen zu Kriegsgefangenen geschützt seien. Auf die Frage, ob ihnen die Todesstrafe drohe, hatte er gesagt, »das kommt auf die Ermittlungen an«.

Die prorussischen Separatisten in der sogenannten Volksrepublik Donezk im Osten der Ukraine hatten kürzlich Todesurteile gegen zwei in der Ukraine gefangen genommene Briten und einen Marokkaner verhängt .

Kirby sagte weiter, er wisse nicht, ob Peskow seine Äußerungen tatsächlich ernst gemeint habe oder gedacht habe, eine Großmacht müsse so etwas sagen. Doch welches Motiv auch immer dahinterstehe: »Es ist in jedem Fall alarmierend.«

Internationale Reaktionen

EU-Ratspräsident Charles Michel schlägt vor, die Ukraine und Moldau zu EU-Kandidaten zu machen. Im jüngsten Entwurf der Abschlusserklärung des bevorstehenden EU-Gipfels heißt es: »Der Europäische Rat hat beschlossen, der Ukraine und der Republik Moldau den Status eines Kandidatenlandes zu verleihen.« Damit würden die 27 Staats- und Regierungschefs, die sich am Donnerstag und Freitag in Brüssel treffen, der Empfehlung der EU-Kommission folgen.

Zudem heißt es in dem Entwurf vom Dienstag, der der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, dass man bereit sei, auch Georgien den Kandidatenstatus zu verleihen. Dazu müssten jedoch die von der EU-Kommission genannten Prioritäten erfüllt werden.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Im Streit um die Einschränkungen des Güterverkehrs in die russische Exklave Kaliningrad haben sich die USA schützend vor Litauen gestellt. Moskau hatte gedroht, dass Russland »auf solche feindseligen Aktionen reagieren« werde. Daraufhin erklärte der Sprecher im US-Außenministerium, Ned Price, Washington stehe zu seinen »Nato-Verbündeten« und damit auch zu Litauen.

Ausdrücklich verwies Price auf Artikel 5 des Nato-Vertrags, wonach ein Angriff auf ein verbündetes Land als ein Angriff gegen alle angesehen wird. Er betonte, das Bekenntnis der USA zu diesem Artikel sei »unumstößlich«.

Kaliningrad liegt an der Ostsee zwischen Litauen und Polen und hat keine direkte Landverbindung nach Russland. Das EU-Mitglied Litauen hatte in der vergangenen Woche angekündigt, den Bahnverkehr zwischen Russland und dessen Exklave zu beschränken. Güter, die unter die EU-Sanktionen gegen Russland fallen, können nicht mehr mit der Bahn von Russland über Litauen nach Kaliningrad gebracht werden. Dazu gehören vor allem Metalle, Baumaterial, Technologiegüter und Kohle.

DER SPIEGEL

Deutschland ist nach Darstellungen von Finanzminister Christian Lindner trotz »der Gefahr einer sehr ernst zu nehmenden Wirtschaftskrise« Russland nicht hilflos ausgeliefert. »Nein, Putin hat uns nicht in der Hand, sondern wir sind die Gestalterinnen und Gestalter unseres Schicksals«, sagt er im ZDF. Deutschland könne seine Energieversorgung diversifizieren, andere Lieferketten schließen und frei handeln. Zudem könne man heimische Gas und Ölvorkommen nutzen. Allerdings sieht er – vor allem auch als Folge des Kriegs – entbehrungsreiche Jahre auf die Deutschen zukommen (mehr dazu erfahren Sie hier).

Was heute passiert

  • Regierungserklärung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu den bevorstehenden Gipfeltreffen von EU, G7 und Nato. Bei diesen Treffen wird es natürlich auch ausgiebig um den Krieg in Osteuropa und den zukünftigen Umgang mit Russland gehen.

  • Russland und die Ukraine gedenken des Einmarsches Deutschlands in die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Der russische Präsident Putin wird Blumen niederlegen. Auch in Belarus wird der Gedenktag begangen.

jok/Reuters/dpa