Überlebender des Erdbebens in Afghanistan »Die Decke, die Wände, alles stürzte über uns zusammen«

Erst gab es ein Donnern, dann gewaltige Schläge aus der Tiefe: Bauer Sadeqeen Hamdard überlebte das Erdbeben in Afghanistan in seinem entlegenen Dorf. Hier erzählt er, wen er retten konnte – und wen nicht.
Von Christoph Reuter und Lutfullah Qasimyar
Nach dem verheerenden Erdbeben in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion: Suche nach Überlebenden in der Provinz Paktika

Nach dem verheerenden Erdbeben in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion: Suche nach Überlebenden in der Provinz Paktika

Foto: Ebrahim Noroozi / picture alliance / dpa / AP

Ein furchtbares Krachen, »wie Donner, nur viel lauter«, damit habe es angefangen, erinnert sich der Bauer Sadeqeen Hamdard: »Da waren wir schlagartig alle wach.« Zwei, drei Sekunden später habe es zwei gewaltige Schläge aus der Tiefe gegeben, »die Decke, die Wände, alles stürzte über uns zusammen«, erinnert sich der 34-Jährige an das Erdbeben in der Nacht zu Mittwoch, das sein Haus, das ganze Dorf zerstörte und seinen vierjährigen Neffen tötete.

Dass er selbst fast unverletzt blieb und von den neun Mitgliedern der Großfamilie nur sein Neffe starb und seine Schwägerin schwer verletzt wurde, verdanken die Bauern im Dorf Asla Shah in der Provinz Paktika letztlich ihrer Armut: Kein Haus in ihrem Dorf sei mehrstöckig, erzählt Hamdard, alles eingeschossige Hütten mit einem Dach aus Pappelholz und Lehmstroh.

Karte der US-Erdbebenwarte USGS

Karte der US-Erdbebenwarte USGS

Foto: USGS HANDOUT / EPA-EFE

Dennoch starben bei diesem schwersten Erdbeben in Afghanistan seit zwei Jahrzehnten mehr als tausend Menschen, alle paar Stunden werden von der Taliban-Verwaltung höhere Opferzahlen veröffentlicht. Als Mittwoch früh um 1.30 Uhr die Katastrophe passierte, waren alle Menschen in ihren Häusern, schliefen, bis der Knall sie weckte und die Trümmer auf sie einstürzten.

Die US-Erdbebenwarte vermeldete für das Beben im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet eine Stärke von 5,9 und lokalisierte das Epizentrum 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost. Eine bergige, auch für afghanische Verhältnisse abgelegene Gegend.

Nur wenig südlich des Epizentrums liegt – beziehungsweise lag – das Dorf Asla Shah: »Kein Haus ist stehen geblieben«, sagt der Überlebende Hamdard, »jedenfalls soweit ich das sehen konnte, bevor wir aufgebrochen sind.« Dass er zumindest mit dem SPIEGEL telefonieren kann, liegt daran, dass er und einige Verwandte fast den ganzen Tag mit seiner schwer verletzten Schwägerin von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren sind. Am frühen Abend erreichten sie Gardez, die Hauptstadt einer Nachbarprovinz, wo wenigstens das Mobilfunknetz funktioniert.

»Wie Donner, nur viel lauter«

In der Nacht zuvor habe er sich gemeinsam mit einem seiner Brüder aus den Trümmern ihres Hauses befreien können, erzählt Hamdard. Er pausiert am Telefon immer wieder, wenn er einen Arzt oder Pfleger anfleht, ihm zu sagen, wie es der Schwägerin gehe. Dann sei Minuten später noch ein unverletzter Cousin aus einem der Nachbarhäuser angerannt gekommen.

»Zu dritt haben wir dann gegraben, die ganze Nacht«, nach den anderen, die schreiend, stöhnend unter Lehmbrocken und geborstenem Holz lagen. So, wie in allen Ruinen des Dorfes fieberhaft nach Überlebenden gesucht wurde. »Es war geisterhaft, alle hatten als Licht nur Taschenlampen und einige Telefone. Unseren Strom gewinnen wir mit Sonnenkollektoren, aber das war alles kaputt. Manche hielten die Taschenlampe mit den Zähnen und gruben mit ihren Händen.«

DER SPIEGEL

Sie hätten letztlich noch Glück gehabt: Seine Frau und seine beiden kleinen Töchter überlebten mit Schock, Schrammen und Schürfwunden. »Aber nebenan«, setzt er an, bevor seine Stimme bricht, »da schrie die Tochter der Nachbarn. Wir haben alle mitgeholfen, dort die Trümmer zu bergen, sie herauszuholen. Aber dann wurde ihre Stimme immer leiser. Als wir sie erreicht hatten, war es zu spät. Bitte fragt nicht weiter.« Von den sieben Bewohnern des Nachbarhauses seien fünf gestorben.

Im Morgengrauen waren nur noch Tote zu bergen

Als die Sonne aufging, hätten sie begonnen, sich um die Toten zu kümmern, so etwa um Hamdards vierjährigen Neffen Hilal. Er erhält seine letzte Waschung und die Riten für die Bestattung am selben Tag. Jeder im Dorf habe den anderen geholfen, erwähnt Hamdard, als sei dies wenigstens ein kleiner Trost. »Sogar aus weniger zerstörten Nachbardörfern kamen die Männer und boten Hilfe an!«

Am späteren Morgen dann seien Hubschrauber aus Kabul gelandet, um die am schwersten Verletzten auszufliegen, »fünfmal, allein für unser Dorf«. Da dachte er noch, er könne seine Schwägerin ja selbst nach Urgun bringen, ins nächste Krankenhaus der Umgebung. Einer seiner Verwandten hat ein Auto: »Aber die in Urgun haben uns weitergeschickt zur nächsten Stadt. Sie hätten kaum noch Medikamente, Geräte und Ärzte, alles weg. Aber auch im nächsten Krankenhaus schüttelten sie den Kopf. Wir sollten weiter fahren bis Gardez, da gäbe es noch ein Röntgengerät und Ärzte.«

Das Beben hat Afghanistan in einer ohnehin schweren Zeit getroffen. Seit dem Sieg der Taliban im vergangenen August sind mit den letzten ausländischen Truppen auch die meisten Hilfsorganisationen abgezogen und die ausländische Hilfe läuft bis auf Nahrungslieferungen auf Sparflamme.

Hunderttausende Männer und Frauen haben Afghanistan verlassen, vor allem die gut Ausgebildeten sehen keine Zukunft mehr für sich, ihre Familien, vor allem ihre Töchter, im kruden Gottesstaat der Taliban. Doch wohin soll ein Bauer gehen, der nur seinen Acker hat und ein Haus – zumindest bis vorgestern?

Zelte und Nahrung werden gebraucht: Und ein Wunder

Am Mittwochabend sind Sadeqeen Hamdard und seine Verwandten in Gardez angekommen. Die Schwägerin werde untersucht, immerhin. Eine der Hausmauern sei auf sie gestürzt, ihre eine Seite komplett gelähmt, »und als sie von Hilals Tod erfuhr, wirkte sie, als wolle sie gar nicht mehr leben. Er war ihr einziger Sohn.«

Was sie bräuchten für ihr Dorf? »Am dringendsten Zelte. Und Nahrungsmittel. Unsere Vorräte sind ja alle verschüttet.« Aber vor allem, fügt er noch nach: »Ein Wunder, dass meine Schwägerin überlebt.«